Ich habe lange gezögert, ob ich all diese Texte, die hier wohnen, für ein Buch aufbewahren und sie erst dann als Tinte auf Papier in die Welt schicken sollte. Ich merkte aber nach einem Dreivierteljahr Arbeit, dass das Schreiben für mich kein Akt des Perfektionsanstrebens ist, sondern ein ständiges Weiterspinnen von Ideen, ein Nachdenken im Dialog. So wie es Sprechdenken gibt, so sehe ich das öffentliche Schreiben als Sprechschreiben; ein Handeln im Sinne Hannah Arendts, ein Rausgehen und ein ungeplantes In-Den-Dialog treten, ein Existieren in der Interaktion mit anderen Menschen; vielleicht ab jetzt auch mit dir?
Warum Punktkomma? Weil ein Gedanke den nächsten gebiert. Weil er für sich stehen bleiben, aber auch weitergeführt werden kann. Weil mehr Dinge eine Aufzählung bilden können, als uns lieb wäre.
Hier wird es keine klare Trennung zwischen Persönlichem und Theoretischem geben; manche Texte werden philosophisch sein; andere essayistisch oder autobiografisch; manche politisch, aus der oppositionell-russischen Perspektive; viele tagesaktuell.
Ich weiß noch nicht, was bleibt und was vergeht; ich möchte einfach schreiben. Kommst du mit?
Diese Geschichten sind alle wahr. So wahr, wie unsere Erinnerungen. Mit einer Prise Wunschdenken, zwei Löffeln Verdrängung, ein paar Retuschen durch die selektive Wahrnehmung und einem Blickwinkelspagat zwischen Nächstenliebe und Narzissmus. Hier und da durch die Erinnerungslücken radiert und frei nach Form nachgezeichnet. Und im Sinne der Kunstfreiheit stellenweise etwas überzogen. So wie du es auch aus den Tischgesprächen kennst.
Ich habe seit 2026 eine kleine Grafikagentur. Schau doch gern vorbei!
Das war's schon. Viel Spaß beim Lesen!
(oder sowas in der Art, was da auch Netflix immer schreibt, damit du nicht abspringst)
Diese Texte sind im Rahmen einer Schreibübung entstanden, bei der wir an der Fernuni gemeinsam darüber nachgedacht haben beziehungsweise einem Vortrag von Dr. Christian Grabau gelauscht haben, der sich mit der Frage beschäftigte, wie das Ich in der Wissenschaft dargestellt wird und welchen Platz es haben darf oder nicht. Die folgenden Gedanken sind meine persönliche Reaktion darauf.
Mich hat dabei eine starke Ambiguität begleitet, weil ich einerseits sehr gut nachempfinden kann, was etwa Donna Haraway über die Perspektive des berüchtigten weißen Mannes schreibt, die vom solchen oft als objektiv gesetzt wird und (unberechtigterweise) wie ein Gottesblick "von oben" wirkt. Andererseits erlebe ich in vielen dieser Diskussionen, etwa auch beim Thema Gendern, dass die eigentlichen Inhalte der Texte hinter einer politischen Agenda, die diese Texte strukturiert, zu verschwinden drohen.
In der Wissenschaft darf das Ich sichtbar sein hinter meinen Thesen.
In der Wissenschaft darf das Ich ausführlich vorkommen, auch wenn es meine Note kostet; wir sollen damit anfangen und scheitern, damit sich was ändert.
In der Wissenschaft darf das Ich nicht die Aufgabe selbst überschatten.
In der Wissenschaft darf das Ich eine Haltung sein, aber keine Meinung im Sinne der "Meinung" und der "Anderung" von Vera F. Birkenbühl; was meine epistemische Räume sind, muss immer klar abgezeichnet werden.
In der Wissenschaft darf das Ich den Anderen in die eigene Perspektive einladen und sprachlich inklusiv genug sein, um Interdisziplinarität zu ermöglichen.
In der Wissenschaft darf das Ich sich natürlich auch mal zurücknehmen, ohne immer präsent sein zu müssen; denn dieser Druck führt zu unkonstruktivem Poststrukturalismus und Verlust der eigentlichen Standpunkte.
In der Wissenschaft darf das Ich polemisieren, aber dies bitte als solches kennzeichnen.
Das Ich ist eine Extrawurst, ohne die es nicht geht, die aber auch immer in unserer poststrukturalistischen Welt auf den Teppich gerufen wird. Das Ich ist, würde Kant sagen, ist auch der universale transzendentale Filter, das die erkennfähige Welt überhaupt entstehen lässt. Ich finde Kant in dem Sinne demokratisch und unglaublich befreiend, weil es sich, wenn er recht hat, auch in anderen Menschen einen ähnlichen bzw. ähnlich beschränkten Erkenntnismechanismus vermuten lässt. Denn einerseits brauchen wir Mehrstimmigkeit, mehr Inklusivität, die zu mehr Interdisziplinarität führen kann, soll. Andererseits sollen wir darauf achten, dass das Thema selbst nicht von der aktuellen politischen Agenda überschattet wird. Einladender sein, ja, aber nicht so sehr, dass die Gäste ihre Füße auf den Tisch mit achtsam präparierten Materialien hochwerfen. Immer wenn wir aus menschenfreundlichen Gründen etwas möchten, sollten wir schauen, wer dieselbe Agenda aus menschenfeindlichen Gründen unterwandern will, kann, wird. Ich habe immer so ein Unbehagen in mir, wenn ich gerufen werde, um als Frau, Mutter, Person mit Migrationshintergrund da zu sein. Ich wäre lieber als Kant und Jung-Experte gerufen, ohne das "in". Aber als lebendiges Ich mit Ecken und Kanten, das so sein darf und auch anders sein darf.
"Objektivität ist eine Haltung, keine Abwesenheit." Ich bin es so leid, eine politische Agenda auch noch in der Wissenschaft zu verfolgen. Denn dafür war ich auf den Straßen, wo klare, fette Schwarz-Weiß-Gedankenstriche öffentlich hochgeschaukelt werden, wo eine These die nächste jagt. Ich bin es leid, dass sich Frauen durch ihre (leider noch nicht wirklich gleichgestellte) Rolle in die Schublade des Partiellen zwängen. Und die Wände dieser Schublade bewachsen mit den Eigen- und Fremdzuschreibungen, und werden so dick, dass der Inhalt keinen Platz mehr findet.
Ich will doch nur forschen. Klar, mit dem Kind unter meinem Schreibtisch, mit dem Hund, das wieder auf meinen Teppich aus Kunstrasen pinkelt, weil es wie ein Stück Straße ausschaut und mich verdutzt anguckt, wenn ich schimpfe. Klar ist mein Ich auch mal abgelenkt oder durch die vielen Sprachen, die es spricht, überfordert, weil sich keine davon wie eine Muttersprache anfühlt.
Ich wünsche mir eine Welt mit vielen Ichs, ja, aber solchen Ichs, die aus der Perspektive der Themen wohlwollend und einander ergänzend in den Multilog treten. Eine Welt, dass selbstbewussten, selbstbeschränkenden Experten, zu denen ich mich auch ohne das "in"-am-Ende zählen darf, möchte, werde. Die Wissenschaften voller Ichs sollen sich nach außen öffnen, ohne diesen Druck künstlich von innen zu erzeugen. Denn was da sonst hochgespült kommen kann, ist nicht nur nicht objektiv, das haben wir auch jetzt schon da, ohne der Ichs. Es wäre eine Selbstdarstellung. Aber alles ist irgendwann vorbei, auch der Poststrukturalismus. Und der Inhalt bleibt.
Arten von Glück, Arten von Sinn: Leben wir in einer Epikur-Gesellschaft?
Wenn wir heute über Glück reden, tun wir oft so, als wüssten alle, wovon die Rede ist. „Sei doch einfach glücklich“, „Tu, was dich glücklich macht“, „Hauptsache, du bist happy“. Aber sobald man genauer hinschaut, zerfällt dieses Wort in lauter verschiedene Bedeutungen. Genau aus so einer philosophischen Diskussion über den Terminus „Glück“ ist dieser Text entstanden: Was ist Glück eigentlich, welche Formen lassen sich unterscheiden, und ist ein Gesellschaftsentwurf denkbar, in dem Glück nicht das oberste Ziel ist, ohne dass alles sofort in Dystopie und Unterdrückung kippt?
Dabei streift die Frage vieles auf einmal: Evolutionsgeschichte, antike Philosophie, Konsumgesellschaft, Social Media, subjektive Statistiken und unsere eigene psychische Gesundheit. Ich versuche im Folgenden, diese Fäden so geordnet wie möglich aufzunehmen, ohne sie zu vereinfachen.
Liegt das Streben nach Glück in der Natur des Menschen?
Eine erste Grundfrage lautet: Ist das Streben nach Glück etwas, das dem Menschen so tief eingeschrieben ist, dass wir uns gar keinen anderen Gesellschaftsentwurf vorstellen können? Oder wäre auch eine Kultur denkbar, in der nicht Glück, sondern etwas anderes im Zentrum steht, zum Beispiel Pflicht, Tugend, Erkenntnis, Schönheit, Macht oder schlicht das Überleben?
Historisch betrachtet scheint Glück zunächst gar nicht im modernen Sinn das Thema gewesen zu sein. In frühen Gemeinschaften von Jägern und Sammlern ging es vor allem um Sicherheit, Nahrung, Zugehörigkeit. Es gibt die verbreitete These, dass es ihnen „besser“ ging, weil ihr Stresssystem auf reale Gefahren kalibriert war, statt wie heute dauerhaft auf Stress-Standby zu laufen. Dagegen lässt sich aber einwenden, dass auch frühere und „natürlichere“ Lebensformen von Leid, Angst, Verlust und inneren Krisen geprägt waren. Es gibt Berichte von Suiziden schon in antiken oder vormodernen Gesellschaften. Unglück ist also keine Erfindung der Moderne.
Man kann also schwer behaupten, es habe einmal eine paradiesische Zeit „vor dem Unglück“ gegeben. Was sich durchaus verändert hat, ist eher die Deutung und der Umgang mit Leid. In religiös geprägten Gesellschaften konnte Schmerz als Prüfung, Strafe, Fügung oder Weg zu Gott interpretiert werden. Heute wird Leiden psychologisch, medizinisch oder sozioökonomisch gerahmt. Der menschliche Grundkonflikt bleibt aber bestehen: Wir wollen weniger leiden und mehr Erfüllung, mehr Sinn. Die Frage ist nur, ob wir das, was wir letztlich suchen, wirklich treffend mit „Glück“ bezeichnen.
Drei Bedeutungen von Glück: Zufall, Kick, Lebenssinn
Im Deutschen trägt das Wort „Glück“ erstaunlich viel auf einmal. Im Englischen ist das differenzierter:
In Diskussionen und in der Öffentlichkeit werden diese Ebenen gerne durcheinandergeworfen. Jemand sagt „Ich will doch nur glücklich sein“, meint aber manchmal eher Ruhe und Sicherheit, manchmal Aufregung und Erlebnis, manchmal tiefe Sinnhaftigkeit. Wenn wir über „eine glückliche Gesellschaft“ sprechen, ist meist unklar, welche Art von Glück eigentlich gemeint ist.
Hilfreich finde ich daher die These:
Für das langfristige Glück, das wir oft wirklich meinen, lässt es sich fast gleichsetzen mit Sinnerfahrung. Fragen wir „Bist du glücklich?“, könnten wir genauso gut fragen: „Erlebst du dein Leben als sinnvoll?“.
Akzeptanz oder Streben: Was bringt uns weiter?
In unserer Diskussion prallten zwei Haltungen aufeinander:
Beide Seiten haben starke Argumente.
Für die Akzeptanz spricht: Wer beständig etwas fordert, was die Realität nicht hergibt, produziert sich selbst immer neue Enttäuschungen. Dankbarkeit, innere Gelassenheit und das Anerkennen von Grenzen können das Leben entlasten. Viele spirituelle Strömungen zielen auf diese Form von Gelassenheit.
Für das Streben spricht aber: Ohne Unzufriedenheit würden wir vieles, was heute selbstverständlich ist, gar nicht haben. Unsere Vorfahren haben in feindlichen Umwelten überlebt, gerade weil sie sensibel, wach, besorgt und umtriebig waren. Evolutionär hatten vermutlich diejenigen einen Vorteil, die mehr Angst, mehr Stress, mehr Vorahnung hatten statt diejenigen, die alles gelassen hinnahmen.
Auch kulturell kann man sagen: Wo Menschen sich nicht mit Leid abgefunden haben, sondern nach Lösungen gesucht haben, entstand Fortschritt. Statt nach der Pest einfach die nächste Kathedrale der Dankbarkeit zu bauen, haben Menschen Hygiene, Medizin und Impfungen entwickelt. Dieselben Menschen haben auch Infrastruktur, Gesundheitswesen und demokratische Institutionen aufgebaut. Das sind alles Früchte der Unzufriedenheit und der Weigerung, Elend als gegeben hinzunehmen.
Statt Akzeptanz gegen Streben auszuspielen, lohnen sich vielleicht folgende Fragen:
Wann ist Unzufriedenheit produktiv, wann zerstörerisch? Wann kann wirklich sagen, ich hätte das nicht in der Hand? Und wann übernimmt man sich mit der Haltung, wir Menschen könnten potenziell alles in der Hand haben, selbst wenn es heute noch nicht soweit ist?
Epikur und die Stoiker: Zwei alte Antworten auf ein modernes Problem
Epikur: Glück zuerst, Tugend danach
Epikur wird oft sehr verkürzt wiedergegeben, so als hätte er für hemmungslosen Genuss plädiert. Tatsächlich war seine Vorstellung von Lust eher maßvoll. Er betont Ruhe, Freiheit von Angst, einfache Freuden, Freundschaft. Trotzdem ist bei ihm klar: Das Ziel ist Glück. Tugend, Vernunft, Einsicht sind Mittel, um dieses glückliche, möglichst unerschütterliche Leben zu erreichen. Ein Mensch, der innerlich friedlich ist, kann deshalb vernünftig und gut handeln.
Dieses Programm ist erstaunlich modern. Viele Ratgeber und Selfcare-Konzepte klingen erstaunlich ähnlich: Erst du selbst, deine Me-Time, deine innere Balance. Dann kannst du auch „für andere da sein“ oder „die Welt verbessern“. Zugleich ist dieses Konzept aber latent apolitisch. Epikur empfiehlt ein Leben im Verborgenen, im Kreis der Freunde, möglichst abseits der großen Bühne von Macht und Staat. Glück ist etwas Privates.
Stoiker und Kant: Tugend zuerst, Glück als Folge
Die stoische Haltung, wie sie etwa mit Zenon verbunden wird, setzt ganz anders an. Glück ist hier nicht das Ziel, sondern ein Nebenprodukt. Entscheidend ist, ob ich tugendhaft und im Einklang mit meiner Natur und der Vernunft lebe. Ich soll tun, was richtig ist, unabhängig davon, ob es sich gut anfühlt. Ein sinnvolles, pflichtbewusstes Leben führt dann zwar idealerweise zu innerer Ruhe, aber diese Ruhe ist kein Selbstzweck.
In der Neuzeit wird diese Linie wieder aufgenommen, zum Beispiel bei Kant: Das „moralische Gesetz in mir“ ist maßgeblich, nicht mein Lustempfinden. Glück ist zwar auch ein Thema, aber das, was den Menschen eigentlich auszeichnet, ist seine Fähigkeit, aus Pflicht zu handeln und das Gute um seiner selbst willen zu wollen.
Wenn man das grob vereinfachen will, könnte man sagen:
Ältere Generationen hatten oft deutlich mehr Pflichten: Familie, Arbeit, gesellschaftliche Rollen, weniger
Wahlmöglichkeiten. Viele lebten eher in einer stoischen Grundhaltung: Man fügt sich, man tut, was getan werden muss, man beschwert sich
wenig.
Jüngere Generationen sind heute eher epikureisch geprägt: Selbstentfaltung, Selbstfürsorge, Work-Life-Balance Indie berüchtigte
Me-Time. Sie haben in vieler Hinsicht mehr Freiheit: längere Ausbildungszeiten, weniger starre gesellschaftliche Erwartungen, mehr
Selbstbestimmung. Gleichzeitig erleben viele einen Mangel an Pflicht, Verbindlichkeit und festen Aufgaben. Das kann paradoxerweise zu
Sinnverlust führen, obwohl man sich eigentlich die ganze Zeit so stark um sich selbst kümmert.
Dazu tritt der Konsumdruck, die permanente Vergleichbarkeit durch Social Media und der Anspruch, sich selbst permanent zu optimieren. Man könnte zuspitzen:
Wir sind epikurisch in unseren Werten, aber stoisch in unserem Leistungsdruck. Wir wollen Genuss, Selbstentfaltung, Sicherheit und gleichzeitig ständig mehr davon. Das erzeugt Dauerspannung.
Konsumgesellschaft und die Jagd nach Glück
In einer Konsumgesellschaft wird die Frage nach dem Glück in Produkte und Dienstleistungen kaufen, und die ständige Selbstoptimierung übersetzt. Glück verspricht sich in:
Die Kombination aus Konsum und Social Media verstärkt dieses Muster. Wir zeigen die glänzenden Oberflächen unseres Lebens und vergleichen uns mit den Hochglanzoberflächen der anderen. Dankbarkeitstagebücher, Happiness-Challenges, „10 Steps to Your Best Self“ können hilfreich sein, sie können jedoch auch Teil eines Systems werden, in dem sich niemand erlaubt, einfach unglücklich, überfordert oder leer zu sein.
Es entsteht ein subtiler Druck: Wenn du nicht glücklich bist, hast du noch nicht genug an dir gearbeitet, nicht genug konsumiert, nicht genug optimiert. Glück wird zur Bringschuld des Einzelnen. Jemand brachte es in der Diskussion auf den Punkt: Statt individueller Tugend verwirklichen wir heutzutage individuelle Gier.
Und die Gier muss dabei nicht nur materiell sein, sie kann auch Gier nach Anerkennung, nach innerem Hochgefühl, nach ständiger Selbststeigerung sein.
Der Happiness-Index: Messen wir wirklich, was wir meinen?
Ein Beispiel dafür, wie dünn unsere Glücksbegriffe manchmal sind, ist der bekannte „Happiness Report“. Den Menschen in fast allen Ländern der Welt wird eine Frage gestellt: „Wie glücklich sind Sie auf einer Skala von 1 bis 10?“ Dann verknüpft man diese Selbstangaben im Nachhinein mit Faktoren wie Bruttoinlandsprodukt, politischer Freiheit, sozialer Sicherheit, Gesundheitswesen.
Hierbei zeigen sich mehrere Probleme:
Damit soll nicht gesagt sein, dass solche Berichte wertlos sind. Sie zeigen schon einige Tendenzen und Unterschiede. Aber sie greifen zu kurz, wenn sie den tiefen, sinnbezogenen Charakter von „Happiness“ erfassen wollen.
Es bleibt die Frage: Messen wir wirklich das, was wir unter einem erfüllten Leben verstehen, oder eher eine Mischung aus Zufriedenheit, Erwartungsniveau und kultureller Höflichkeit?
Ist eine Gesellschaft ohne Glücksfixierung denkbar?
Zurück zur Ausgangsfrage: Ist es möglich, einen Gesellschaftsentwurf zu denken, in dem Glück nicht das zentrale Ziel ist, ohne dass wir in eine Dystopie von Unterdrückung und Leid geraten?
Eine rein „anti-glückliche“ Gesellschaft, in der Leid zum Programm erhoben wird, wäre offensichtlich destruktiv. Die Frage zielt eher darauf, ob wir die Priorität verschieben können. Zum Beispiel hin zu:
Das bedeutet nicht, das Bedürfnis nach Glück abzuschaffen. Wahrscheinlich ist das sowieso weder möglich noch erstrebenswert. Aber man könnte das
Streben nach Sinn und Tugend ins Zentrum setzen, und Glück eher als Nebenwirkung akzeptieren. Vielleicht wäre die Obsession mit Glück dann schwächer. Vielleicht wäre es leichter, unglückliche
Phasen als Teil eines gelingenden Lebens zu sehen, statt als Anzeichen persönlichen Versagens.
Philosophien jenseits des Glücks
Philosophiegeschichte lässt sich auch als Geschichte der Distanznahmen zum Glück lesen. Immer wieder haben Denker versucht, den Menschen nicht über Lust, Zufriedenheit oder Freude zu definieren, sondern über etwas Tieferes, Widerständigeres.
Während Epikur noch das Glück zur Leitkategorie macht – wenn auch in einer besonnenen, schmerzfreien Form –, steht ihm schon die stoische Tradition entgegen, die Glück nicht als Ziel, sondern als Nebenwirkung eines tugendhaften Lebens versteht. Kant verschärft diesen Gedanken: Glück ist zu unbestimmt, zu zufällig, um moralischer Maßstab zu sein. Der Mensch ist nicht dafür da, glücklich zu sein, sondern seines Menschseins würdig. Sein Wert liegt in der Fähigkeit, aus Pflicht zu handeln, nicht aus Neigung.
Andere kehren die Perspektive radikaler um. Schopenhauer erklärt Glück zur Täuschung: ein kurzer Stillstand im endlosen Drang des Willens, der alles lebendige durchzieht. Wer nicht leiden will, muss den Willen selbst verneinen – also den Wunsch nach Glück ablegen. Nietzsche wiederum verwirft das Glück als Ideal der „letzten Menschen“ – zu bequem, zu satt, zu glückbetäubt eben. Für Nietzsche ist das Leben nicht dafür da, um uns ständig glücklich zu machen. Ihr Wert liegt vielmehr in der Intensität, Schöpfung, Selbstüberwindung.
Auch Heidegger schreibt das Glück als eine oberflächliche Kategorie ab: unser Dasein ist nicht zur Zufriedenheit, sondern zur Sorge bestimmt. In der Sorge liegt die Wahrheit des Seins.
Camus schließlich umarmt die Sinnlosigkeit des Daseins: Das Leben ist absurd, aber wir können Ja dazu sagen, und zwar nicht indem wir glücklich werden, sondern indem wir eben dieses Absurde bejahen.
In der Gegenwart hat sich das Problem verlagert. Bei Foucault geht es nicht um Glück, sondern um die Fähigkeit, sich selbst zu formen, den Diskursen und Machtverhältnissen nicht passiv zu gehorchen. Luhmann interessiert sich gar nicht für Gefühle, sondern für die Selbstreferenz von Systemen – Glück ist für ihn ein gesellschaftlich codiertes Signal, kein Ziel. Posthumanistische Denker wie Donna Haraway verwerfen den anthropozentrischen Maßstab überhaupt: Das Gute Leben ist kein menschliches Privileg, sondern eine ökologische Koexistenz.
Und im Buddhismus schließlich erscheint Glück als bloße Täuschung des Begehrens – Erlösung heißt hier nicht, mehr Glück zu empfinden, sondern das Bedürfnis nach Glück zu transzendieren.
All diese Entwürfe verbindet ein gemeinsamer Gedanke: Glück ist kein letztes Ziel, kein Selbstzweck, sondern ein Symptom. Eine Gesellschaft, die sich über Glück definiert, beschreibt damit zugleich, was ihr fehlt. Deshalb ist vielleicht das fruchtbarere Ziel nicht das Glück, sondern das Sinnhafte, das Tugendhafte, das Seiende, das Wahre – kurz: das, was bleibt, wenn das Glück als Kriterium versagt.
Maslow und Frankl – zwei gegensätzliche Modelle menschlicher Erfüllung
In der modernen Psychologie ist der bekannteste Versuch, das menschliche Streben zu ordnen, die Maslow’sche Bedürfnispyramide. Sie beschreibt ein aufsteigendes System: erst physiologische Bedürfnisse (Nahrung, Schlaf), dann Sicherheit, soziale Zugehörigkeit, Anerkennung, und dann ganz oben die Selbstverwirklichung. Sinn, Kreativität, Erfüllung erscheinen hier als Krönung eines bereits durch die zuvor erfüllten Bedürfnisse gesättigten Lebens.
Dieses Modell hat sich tief in unser Alltagsdenken eingegraben: Zuerst müssen die Grundbedürfnisse befriedigt sein, dann kann das „Höhere“ kommen. Glück wird so zum Zeichen von Erfüllung, das nach vollständiger Bedürfnisdeckung folgt.
Doch gerade das wird von Viktor Frankl radikal in Frage gestellt. Frankl, selbst Überlebender des Konzentrationslagers, stellt in seiner Logotherapie die These auf, dass der Mensch nicht vom Bedürfnis nach Befriedigung, sondern vom Willen zum Sinn angetrieben wird. Sinn steht nicht am Ende der Pyramide, er ist im Gegenteil ihr Fundament.
Menschen können in äußerster Not, in Armut oder Krankheit, trotz der Unerfüllung ihrer Grundbedürfnisse Sinn empfinden. Und umgekehrt: Menschen mit scheinbar perfekten Lebensbedingungen können innerlich leer sein. Für Frankl beginnt menschliche Würde dort, wo jemand einen Sinn sieht, selbst wenn das Leben keine Freude bietet.
Damit stellt er Maslow auf den Kopf:
Nicht „erst satt, dann Sinn“, sondern:
Erst Sinn, dann Stärke, auch im Mangel.
Das ist mehr als Psychologie, das ist eine ethische Wende. Sie widerspricht der Logik, dass Glück aus Fülle entsteht, und legt nahe, dass gerade die Erfahrung des Mangels die Tiefendimension des Lebens freilegt. So gesehen wäre Glück kein Ziel nach Erfüllung, sondern eine Form von innerer Stimmigkeit im Unvollkommenen.
Don’t happy – be worry
Der Satz „Don’t worry, be happy“ klingt leicht und tröstlich. Aber vielleicht müsste man ihn heute umdrehen: „Don’t happy – be worry.“ Nicht im Sinne einer Aufforderung zur Angst, sondern als Erinnerung, dass das Leben ohne Sorge, ohne Unruhe, ohne Widerspruch nicht lebendig wäre.
Epikur selbst hat das Glück als Abwesenheit von Schmerz definiert. Es ist also ein Negativbegriff: Man weiß erst, was Glück ist, wenn man Schmerz kennt. Doch in unserer Gegenwart ist Glück zu einem Konsumprodukt geworden – ein Zustand, den man haben, kaufen, kuratieren kann. So wie wir ständig Neues erwerben, statt Altes zu pflegen, so suchen wir nach immer neuen Glücksreizen, statt das vorhandene Leben zu würdigen.
Vielleicht bräuchte es ein emotionales Pendant zum Recycling: Kein unablässiges Streben nach neuen Glücksgefühlen, sondern das Upcyceln der vorhandenen Erfahrungen.
Nicht immer „mehr“, sondern auch mal „tiefer“.
Denn auch Gefühle können Ressourcen sein, die sich erneuern, wenn man sie nicht im Sekundentakt wieder wegwirft. Zufriedenheit könnte man als nachhaltiges Glück begreifen, nicht als ein Dauer-High, sondern als einen besonnenen Kreislauf von Sorge und Erfüllung.
Die Sorge – das „Worry“ – ist nicht bloß ein Störgeräusch im Wohlbefinden, sondern der Motor von Sinn. Ohne das Gefühl der Unruhe gäbe es kein Streben, kein Lernen, keine Kunst, keine Wissenschaft. Die größte Erfüllung entsteht nicht aus Entspannung, sondern aus Überwindung. Der Spa-Abend vergeht, die Abgabe einer Masterarbeit – nach Wochen des Zweifels, des Ringens, der Erschöpfung – bleibt.
Ein Leben, das Glück nicht verdrängt, aber auch das Worry nicht meidet, wäre vielleicht das ehrlichere.
Denn das Ziel ist nicht, glücklich zu sein, sondern wirklich zu leben, mit all der Mühe, die dazugehört, und mit der Freude, die daraus entsteht.
Offenes Ende
Wenn Glück als langfristige Lebenszufriedenheit so eng mit Sinn zusammenhängt, dann ist die Jagd nach Glück in Form von Kicks und Konsum fast zwangsläufig unbefriedigend. Sie kann Lücken kurzfristig überdecken, aber nicht füllen. Gleichzeitig wäre es ebenso unfruchtbar, alle Bedürfnisse nach Freude, Lust, Entspannung und Leichtigkeit moralistisch zu verdächtigen.
Vielleicht liegt die Aufgabe unserer Zeit genau in diesem Spannungsfeld:
damit sie nicht in Selbstzerstörung umschlägt, sondern in Fortschritt, Beziehungen, Kreativität, Gerechtigkeit.
Ob es eine Gesellschaft geben kann, die das Glück nicht mehr als Hauptziel definiert, sondern Sinn, Tugend und Beitrag zur Gemeinschaft stärker ins Zentrum rückt, ist keine rein theoretische Frage. Sie entscheidet sich in unseren Alltagshandlungen: darin, wie wir unsere Kinder erziehen, wie wir arbeiten, konsumieren, lieben, wie wir über uns selbst denken.
Vielleicht beginnt ein solcher Lebensentwurf ganz unspektakulär mit der Verschiebung der Frage.
Nicht mehr: „Bin ich glücklich genug?“
Sondern eher: „Wofür lebe ich eigentlich, und ist das, was ich tue, in sich sinnvoll, auch wenn es sich nicht jederzeit glücklich anfühlt?“
Radikalisierungsbeihilfe, gezielte Beeinflussung von Wählergruppen, Datenlecks und manipulative Werbepraktiken. Spätestens seit der US-Wahl 2016 wissen wir, dass Social Media nicht nur sozial ist, sondern auch ein gnadenloses System, das die Aufmerksamkeit in Verweildauer und Verweildauer in Profit übersetzt.
Die Funktionslogik der Plattformen ist dabei denkbar einfach: Sie holen das Schlechteste in uns hervor, indem sie an unseren unmittelbarsten psychischen Mechanismen ansetzen. Likes, Swipes und Benachrichtigungen aktivieren Dopamin-Impulse, die kurzfristige Belohnung erzeugen, aber langfristig will man wie bei jeder Droge immer mehr davon. Besonders Kurzvideo-Formate wie TikTok oder YouTube Shorts liefern uns in Sekundenhäppchen, was das Gehirn in seiner Belohnungssucht verlangt. Bunte und laute Reize, minimale Pausen und darüber schwebt noch das Versprechen der endlosen Neuheit. Ich habe kürzlich schon zweigeteilte Youtube-Shorts gesehen, wo auf jeder Bildschirmhälfte was anderes passiert. Weil man keine 30 Sekunden bei einem einzigen Video mehr verweilen möchte.
Natürlich gab es auch früher technologische Umbrüche. Und alles, was neu ist, ist großen Teilen der Gesellschaft zu Beginn suspekt. Als das Fernsehen aufkam, gab's einen Aufschrei, es würde uns den Untergang der Bildung bringen. Beim frühen Internet wurde auch Alarmismus betrieben. Doch der Unterschied heute liegt im Grad der psychischen Durchdringung. Social Media sind nicht mehr bloß Sende-Kanäle, sie sind adaptive Feedback-Maschinen, die uns besser kennen, als wir uns selbst. Der Kapitalismus hat im digitalen Zeitalter mittlerweile verinnerlicht: Profit entsteht aus Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit entsteht durch Emotion, ob Freude oder Wut ist dabei für den Profitmacher irrelevant. Hauptsache, du bleibst dran. Möglichst lange dran.
Man könnte meinen, wir treten in diese digitalen Räume mit der Absicht, Freunde zu treffen oder interessante Inhalte zu sehen. Doch in Wahrheit betreten wir einen Raum, dessen Architektur auf Verweildaueroptimierung beruht. Hinter der Oberfläche des Austauschs steht ein präzises ökonomisches Kalkül. Social Media sind kommerziell getaktete Realitäten, in denen der Mensch als Datenlieferant fungiert, der mit seiner freien Zeit noch obendrauf draufzahlt. Oder sinngemäß nach Richard Serra oder Andrew Lewis (da gehen die Meinungen zur Urheberschaft des Zitats auseinander): Wenn ein Produkt kostenlos ist, bist du das Produkt.
Es wäre zu kurz gegriffen, die Verantwortung nur den Plattformen zuzuschieben. Auch wir alle spielen mit. Unternehmen, Institutionen, selbst Bildungseinrichtungen verbreiten Inhalte über dieselben Kanäle, füttern die Algorithmen, jagen Reichweite. Der moralische Vorwurf an die großen bösen Konzerne verpufft, wenn die gesellschaftliche Komplizenschaft bestehen bleibt.
Gleichzeitig wird zu wenig über die psychologischen Folgen gesprochen. Smartphones und soziale Netzwerke sind längst integraler Bestandteil unseres Alltags. Viele greifen noch im Bett nach dem Gerät, bevor überhaupt ein eigener Gedanke an den Tag entsteht. Unsere Psyche ist jedoch nicht darauf ausgelegt, permanent im Austausch mit der Welt zu stehen. Das ständige Reagieren auf Reize führt zu Reizüberflutung, Konzentrationsmangel und innerer Unruhe, kurz: ständigem Stress. Wir sind in einen Zustand der Dauerstimulation geraten, der uns erschöpft und zugleich aber nicht loslässt.
Besonders bedenklich ist die Wirkung auf Kinder und Jugendliche. Zwar ist es schwierig, aus der Häufung psychischer Erkrankungen eine eindeutige Kausalität abzuleiten, doch die zeitliche Korrelation ist auffällig: In den Jahren, in denen Social Media allgegenwärtig wurden, stiegen Depressions- und Angststörungen drastisch an. Selbst wenn der Zusammenhang nicht allein ursächlich ist, bleibt er alarmierend genug, um gesellschaftliche Konsequenzen zu fordern. Doch nichts passiert. Nicht zuletzt, weil alle mitspielen.
Dabei wäre es naheliegend, Social Media so zu behandeln wie andere Suchtprodukte. Wir regulieren doch die Werbung für Alkohol und Zigaretten, der Zucker ist wahrscheinlich auch bald dran, was super ist. Bei sozialen Netzwerken passiert aber nichts. Wir überlassen sie weitgehend dem freien Markt und tun so, als handle es sich um harmlose Kommunikationsmittel oder winken ab, weil wir eh nichts dagegen tun können.
Manchmal wird hierzulande vorgeschlagen, alternative, „gute“ Social-Media-Plattformen zu schaffen, etwa europäische oder gemeinnützige Varianten, frei von „bösen“ Algorithmen. Doch diese Idee ist utopisch, solange die ökonomische Grundlage fehlt. Eine Plattform, die stabil, attraktiv und sicher ist, braucht enorme Ressourcen (und Daten! Da freuen sich die Entwickler sicher über unser DSGVO!), und diese Ressourcen müssen natürlich refinanziert werden. Kein System dieser Größenordnung kann in einem luft- und wirtschaftsleerem Raum entstehen. Die Idee einer neutralen, werbefreien Plattform widerspricht der wirtschaftlichen Realität.
Wie lange wollen wir aber dieses Spiel mitspielen?
Wir wissen, dass wir beeinflussbar sind. Wir wissen auch, dass die Plattformen darauf setzen.
Medienkompetenztrainings (am besten gleich in den Schulen!), breitflächige Aufklärung oder gar ein Ausstieg aus dem Ganzen (kann ich sehr empfehlen!) sind natürlich schön und gut, aber sie reichen bei langem nicht aus. Social Media zeigen uns, was wir am Grunde der Dinge sind, wenn alles messbar und verkaufbar wird: Wesen, die aus der inneren Einsamkeit heraus ständig nach Verbindung suchen und sich dabei immer tiefer in eine simulierte Nähe verstricken, die uns mit Dopaminbonbons anlockt.
Spazierganggedanken in Hodenhagen
Wir Menschen sind seltsame Tiere.
Ich sitze mit meiner Hündin auf einer kleinen Wiese. Lauwarmer Sommerabend in Hodenhagen. Wir starren (vor allem meine Hündin Sabrina) die drei Pferde gegenüber an, die mitten im Feld hinter einer kleinen Absperrung grasen. Sie tragen seltsame Überzüge über ihren Gesichtern, die ihre Augen komplett verdecken.
Meine Sabrina, die sonst keine 2 Sekunden an Ort und Stelle bleiben kann, setzte sich im ersten Anblick dieser drei riesigen Tiere fast schon bedächtig hin und fixierte sie mit dem Blick. Ich setzte mich dazu. 15 Minuten vergingen schon, vielleicht auch mehr, ich blicke nicht auf die Uhr. Wir sitzen da und starren die Pferde an. Die Pferde grasen. Die Sonne steht tief, der Abend bricht langsam ein.
Ich spüre immer mehr die Schreiblaune in mir, wie anrollende Wellen der Bedächtigkeit, und doch habe ich das Gefühl, dass ich, sobald ich es beschreibe, sofort die Tiefe dieses Augenblicks verliere. Als müsste ich die Situation so lange wie möglich hinauszögern, so wie man auch einen Orgasmus hinauszögern möchte, um den Schwebezustand des Noch-nicht-Geschehenen zu verlängern. Dieses Gefühl, dass da eine Bedeutung in der Luft hängt, die sich nicht ganz fassen lässt und der, sobald man sie eben erfasst, ihre Intensität entweicht.
Über uns sammeln sich die Wolken, die Sonne geht hinter ihnen langsam unter. Durch die dichten Schichten brechen lange dicke Lichtstrahlen hindurch, wie auf einem Gemälde. Die Kanten der Wolken glühen dabei orange im Gegenlicht. Ich stelle mir vor, wie ein Maler der Renaissance solch einen Anblick als Inspiration nimmt, um daraus eine Szene der Niederkunft Gottes zu kreieren. Die Natur selbst ist so gesehen göttlich, sie entzieht sich, wenn man sie beschreiben will. Und das noch lange vor Heisenberg.
In letzter Zeit suchen mich oft Gedanken heim, dass wir nur kurze Gäste auf diesem Planeten sind. Ich versuche, sie wegzuschieben; vergeblich. Die Synapsen haben zu oft in diese Richtung gefeuert; die Bahn ist zu tief. Immer wenn ich keinen akuten Stress habe, wandern sie dorthin. Vielleicht ist es genau das, was in Kalendersprüchen heißt: Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter. Doch gerade diese Glückseligkeit, die der zweite Halbsatz neben unserer Vergänglichkeit suggeriert, ist ein flüchtiges Gefühl. Sie entgleitet, sobald man sie fangen will. Ich weiß nicht mehr, ob es Sinn ergibt, ihr nachzujagen.
Vor allem, wenn man sich so schnell dabei ertappt, dass man manchmal einfach ein durch Hormone, Unbewusstes und/oder ein so genanntes System 1 (schnelles, automatisches Denken, ganz grob gesagt) getriebenes Wesen ist. Neulich habe ich meinen Handycode geändert, weil ich mich bei dem alten, extra komplizierten, viel zu oft vertippt hatte. Und doch zwingt mich mein System 1 noch immer, den alten Code einzutippen. Ich fühle mich von meinen eigenen Automatismen überlistet. So wie bei einem Lichtschalter, den man nach dem Umstellen noch wochenlang an der alten Stelle antippt.
Je mehr ich mich mit Quantenphysik beschäftige, desto stärker wird mir bewusst, dass Physik und Philosophie zwei Seiten derselben Medallie sind: Die Physik kleidet die Mutmaßungen in strenge Logik, die Philosophie in Begriffe. Aber beide tasten seit jeher nach dem, was wir (noch) nicht wissen. Je mehr wir dann dazulernen, desto länger wird bei der wachsenden Insel unseres kollektiven Wissens auch die Küste zum Unbekannten. Das ist ein ganz normaler Prozess.
Wir jagen die Kleinstteilchen durch CERN, und unsere Satelliten, die dank Relativitätstheorie ihre Zeit anpassen, ermöglichen uns die GPS auf der Erde in unserer Echtzeit. Wir haben unser DNA quasi entschlüsselt. Impfungen gegen tödliche Krankheiten entwickelt. Wir scheinen richtig weit gekommen zu sein. Und das sind wir auch. Wirklich.
Und doch lohnt es sich, immer weiter hinter die Küste in die Gewässer des Unwissenheitsozeans zu blicken. Woraus bestehen die Teilchen, die wir beschreiben? Sind es überhaupt Teilchen, oder sind es Schwingungen der Felder? Wenn letzteres, woraus bestehen dann diese Felder? Warum erleben wir subjektive Qualia? Wozu haben wir das (Selbst-)Bewusstsein? Wir rechnen mit unseren mathematischen Modellen Dinge aus, und sind in unseren Vorhersagen extrem erfolgreich. Unsere Flugzeuge fliegen, Computer funktionieren, eine Super-KI ist im Anmarsch, vielleicht ist auch das Heilmittel gegen Krebs in absehbarer Zukunft da. All das funktioniert ganz gut nach all unseren Modellen (abgesehen von der Quantenphysik, die hält noch viele Überraschungen für uns bereit). Aber ansonsten ist die Zuverlässigkeit unserer Modelle so verführerisch, dass wir oft vergessen, dass das alles nur Modelle sind. Und das, was dahinter liegt, uns verborgen bleibt. Auf ewig? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.
Wir sind jedenfalls, trotz aller Technik, eben fortgeschrittene Tiere, die ihre eigenen Automatismen beobachten und ihnen anheimfallen.
Was kann man von uns fordern, als solcher Art Tiere? Wir sind zwar fähig, uns selbst moralische Gesetze zu geben und dennoch sind wir zutiefst anfällig, sobald es uns persönlich betrifft. Vor einigen Wochen debattierte ich mit einer Freundin über eine strittige #MeToo-Situation, wo meiner Meinung nach vieles darauf hingewiesen hatte, dass die Frau ihren Ex-Freund aus Neid fertig machen und aus der Medialität des Ganzen Profit schlagen wollte. Die Freundin und ich waren uns erstmal in allem einig. Dass die Untersuchungen eingeleitet werden sollen, mit möglichst vielen Zeugen, um das Ganze aufzuklären. Dass Argumente beider Seiten kritisch geprüft werden sollen. Dass #MeToo an sich als Bewegung wichtig und richtig ist, und es kann aber passieren, dass sie, wie jede gute Bewegung auch mal missbraucht werden kann. Dass man nicht anhand einer einzigen ungeprüften Beschludigung auf die Schuld eines Menschen schließen darf. Und dass man gleichzeitig Gewalt (unter anderem psychische) in Beziehungen keinesfalls kleinreden oder unterschätzen darf. Soweit teilten wir also eine gemeinsame moralische Grundlage.
Und dann aber, als wir uns an die Bewertung der Situation wagten, erzählte sie einen Fall aus ihrem persönlichen Umkreis, in dem eine Frau psychisch und physisch in einer Beziehung missbraucht wurde; und ich einen, aus meinem Umkreis, in dem ein Mann unschuldig beschuldigt wurde. Wir hörten auch weiter einander zu, stimmten in vielem überein, und dennoch blieben wir uneins. Das führte dazu, dass wir diese strittige Ausgangssituation am Ende des Tages unterschiedlich bewerteten. Denn letztlich führen alle unsere Überzeugungen, wie moralisch sie auch sind, zurück auf die Erfahrungen, die wir selbst oder Menschen in unserem Umfeld gemacht haben. Das ist ernüchternd, und doch das ist zutiefst menschlich.
Vor zwei Tagen musste ich mit meiner Tochter ins Krankenhaus. Sie sollte eine kleine Augen-OP unter Narkose bekommen. Mein System 1 (oder System 2, vielleicht auch beide) malten mir Schreckensszenarien aus. Dass es schief gehen würde. Dass sie nicht wieder aufwachen könnte. Den ganzen Tag lief ich mit riesigem Kloß im Bauch herum. In solchen Momenten wird einem klar: Wenn es den Liebsten nicht gut geht, zählt alles andere nicht. Arbeit, Philosophie, Masterarbeit – alles verblasst.
Aber gerade dort, in der Begegnung mit Krankenschwestern, Ärzten, Patienten, zeigte sich eine andere Tiefe:
Der ältere Herr, der meiner Tochter Mut zusprach und eine High-Five gab.
Die Narkoseärzte, die ihr zum Einschlafen ihre Lieblingsserie anmachten.
Die Mitpatientin, die ihre Waffel mit ihr teilte, als der Hunger nach der Operation kam.
Der Arzt, der ihr eine Tapferkeitsurkunde unterschrieb.
Die Krankenschwester, die ihr die letzten Kartoffelknödel aufhob und die Infusionsnadel früher entfernte als vorgeschrieben, weil es ihr wehtat.
All das hatte etwas zutiefst Menschliches. Es war eine menschliche Liebe, die dieser (teils sehr triste) Ort ausstrahlte.
Als Teenager liebte ich düstere Filme und Bücher. Ich las Dostojewski und verachtete Komödien; ich hielt sie für naiv-wohlwollendes Zeichnen einer Welt, die so nicht existiert. Liebe erschien mir damals kitschig, wie eben ein flüchtiges Gefühl der Verliebtheit, das man in diesem Alter so leicht mit ihr verwechselt. Heute, mit etwas Abstand, sehe ich das anders. Ich glaube, oder hoffe zumindest, dass es ein erstes Zeichen von Reife ist, die Liebe nicht mehr als Kitsch abzutun, sondern als etwas Urmenschliches zu begreifen. In meinem Theaterleben habe ich gelernt, dass es viel leichter ist, ein Drama zu inszenieren, wo alles tragisch misslingt und Menschen an bösen und teils sinnlosen Zufällen zerbrechen, als eine gute Komödie, die zugleich wahrhaftig und lustig ist. Ein beliebiges Drama zu entwerfen ist einfach - auch im echten Leben; es führt fast automatisch in ein Weltbild der verbitterten Hoffnungslosigkeit. Und trotzdem ist es der leichtere Weg, der widerstandslos gelingt. Es ist immer genug Hass da, und wer sucht, der findet. Aber die Liebe, nicht die romantische Verliebtheit, sondern die tiefe, schlichte, urige menschliche Liebe, als wertvoll und tragfähig zu erkennen und sie bewusst in die Welt zu tragen: das ist das Schwierigere, aber auch das Ziel. Und erst jetzt, offiziell in das vierte Jahrzehnt eintretend, beginne ich das wirklich zu begreifen.
Und dann dachte ich: Dieses Bild vom einsamen Genie, das Entdeckungen macht oder Meisterwerke schreibt, stimmt nicht. Jedes Werk entsteht durch die Gemeinschaft und durch unzählige Hände: Lehrer, Ärzte, Haushaltshelfer, und, historisch, leider auch durch Sklaven. Kant konnte sein kategorisches Imperativ ergrübeln, weil er nicht selber kochen oder putzen musste.
So wurde mir bewusst, dass Hannah Arendts Unterscheidung von Arbeiten, Herstellen und Handeln nicht wirklich trägt: Denn Handeln ist nur möglich, wenn auch gearbeitet wird, sei es von einem selbst oder von anderen.
Und noch etwas: Je mehr wir sehen, wie fehlbar unser System 1 ist, desto klarer wird es, dass wir uns nicht als isolierte Bewusstseinssender begreifen sollten. Wir sind vielmehr Empfänger, kleine Teile eines Ganzen, das sich selbst durch uns zu verstehen versucht. (Mir ist der wissenschaftlich-experimentelle Panpsychismus sehr sympatisch, das gebe ich gerne zu).
Natürlich tragen wir alle unser Ego, unsere Antriebe, unseren Stolz in uns. Doch der größere Teil unseres Tuns ist uns nicht bewusst. Wir handeln erst und erfinden dann nachträglich Gründe dafür. Wir sind stärker instinktgesteuert, als uns lieb ist. Und solange das so ist, können wir nur in der Gemeinsamkeit bestehen. Jeder Einzelne ist wichtig, nicht nur für sich, sondern als Teil des Ganzen.
Vielleicht sollten wir, wenn wir anderen Menschen begegnen, uns öfter daran erinnern: Wir sind eine Spezies, gemeinsam auf diesem Planeten, gemeinsam bemüht, uns selbst und die Welt zu begreifen.
Sabrina steht langsam auf und streckt sich. Schaut mich an mit ihren großen braunen Augen. Ich komme zurück aus der Gedankenparallelwelt. Na gut, sag ich, poschli. Werfe den letzten Blick zu den Pferden. Wir gehen heim. Unsere Liebsten warten im Hotel auf uns. Morgen ist Safari. Da wird Sabrina ja richtig staunen, wenn ihr die Pferde schon so angetan haben.
(Update: Ich hatte recht. Immerhin hat sie eine Freundschaft mit dem Schaf geschloßen, einen Kamelen abgeleckt und bellend einen Strauß vom Auto ferngehalten).
In einer sogenannten postfaktischen Gesellschaft wird Wahrheit zunehmend zum Streitfall. Polarisierte Diskurse, tiefe Meinungsgräben und der Vertrauensverlust gegenüber Medien oder Institutionen führen zu einer Krise des gemeinsamen Erkenntnisraumes. Wenn jede Seite der anderen abspricht, überhaupt auf derselben Grundlage zu argumentieren, kommt es zu dem, was Robert Talisse als deep disagreement bezeichnet: Ein Dissens über grundlegende epistemische Bedingungen des Diskurses.
Doch was ist überhaupt Wahrheit, und was eine Lüge ?
Und kann man sie als Gegensätze betrachten?
Oft wird zwischen subjektiver Wahrheit (Überzeugung, Perspektive) und objektiver Wahrheit (Fakten) unterschieden. Doch was gilt als Fakt ? Das hängt vom epistemischen Raum ab, eben jenem Rahmen aus Begriffen, Methoden und Voraussetzungen, in dem Wissen entsteht. In pluralistischen Gesellschaften mit vielfältigen Informationszugängen entstehen schnell unterschiedliche epistemische Räume: Klimapolitik, Impfdebatten oder geopolitische Narrative zeigen, wie wenig selbstverständlich gemeinsame Grundlagen geworden sind.
Aus aktuellem Anlass mal ein Beispiel: In der oppositionellen russischen Presse, der ich durchaus sympatisiere, tauchen manchmal Informationen auf, die gut in die eigene Gegen-Putin-Gegen-Krieg-Erzählung passen (der ich ebenfalls sehr sympatisiere), etwa über Korruption, Repressionen oder Kriegsverbrechen. Wenn sich später herausstellt (was kürzlich wieder mal passierte), dass einer der Sendungen aus Versehen ein Fake beigemischt wurde, zeigt sich ein paradoxes Ideal: Die Medien, die ihre Fehler sofort transparent einräumten, stärkten gerade dadurch ihre Glaubwürdigkeit. Wahrheit wird hier nicht als Besitz, sondern als Praxis sichtbar. Als Fähigkeit und Mut zur Selbstkorrektur.
Die Lüge dagegen ist keine bloße Unwahrheit, sondern eine vorsätzliche Inkohärenz zwischen dem, was jemand glaubt, und dem, was er sagt. Wer etwas Falsches sagt, ohne es zu wissen, lügt nicht, sondern irrt. Damit ist die Lüge immer auch ein moralischer und psychologischer Akt, denn sie setzt ein inneres Wissen um die Wahrheit voraus (worin man sich wieder irren kann, natürlich, aber es geht um diese innere Diskrepanz).
Daraus folgt also ein vorläufige Definition:
Lüge = inkohärente Aussage bei gleichzeitigem Wissen um die Unwahrheit + Vorsatz zur Täuschung
Diese Differenz ist entscheidend: Journalistische Fehler wie im obigen Beispiel sind keine Lügen, sofern keine Täuschungsabsicht dahintersteht.
Die Lüge ist aber kein Ausrutscher am Rand der Gesellschaft, wie wir gerne glauben würden, sie ist ihr Fundament. Yuval Noah Harari nennt in Eine kurze Geschichte der Menschheit Mythen, Rituale und Fiktionen, auf denen Zivilisationen beruhen, notwendige soziale Konstruktionen und damit produktive Lügen. Auch die höflichen Floskeln des Alltags: Wie geht’s dir? sind meist nicht ehrlich gemeint, sondern Teil eines kulturellen Skripts. Oder kennt ihr nicht das Unbehagen, wenn jemand plötzlich doch unvermittelt erzählt, wie es ihm wirklich geht?
Die Kinder sind am Anfang noch im sozialen Miteinander ein ziemlich leeres Blatt, und sagen alles gerade heraus. Die Eltern wissen, was ich meine. Wo man daneben steht und bitte leise flüstlert und am besten in den Boden versinken würde vor Scham. Und doch auch die Kinder lernen früh, solche netten Lügen zu nutzen: Sie glauben an den Nikolaus, auch wenn sie längst ahnen, wer wirklich hinter dem Geschenkpapier steckt. So kriegen sie ihre Geschenke halt doppelt - vom Nikolaus und von den Eltern.
Gesellschaftliche Höflichkeit, kann man unterm Strich sagen, ist eine ritualisierte Form von Lüge, mit dem Ziel, Reibungen zu vermeiden und Harmonie zu erzeugen. Unser Smalltalk, Manieren oder diplomatische Sprache operieren auf einem Konsens der Nicht-Wahrheit; wir wissen, dass nicht alles wörtlich zu nehmen ist, und tun es trotzdem.
Lügen dienen aber nicht nur der Höflichkeit, sondern (leider) auch der Herrschaft. Wer die Wahrheit kontrolliert, kontrolliert das Bild der Welt. Das zeigt sich in autoritären Systemen, aber auch in subtileren Formen: Politik, Kirche und Werbung arbeiten mit Narrativen, die nicht notwendigerweise wahr sind, aber, wenn wir davon ausgehen, dass sie nicht in your face lügen, dass sie teils mit Teilwahrheiten, teils durchs Verschweigen eine Überzeugung erzeugen wollen.
Die Lüge folgt oft einem rationalen Kalkül: Was habe ich zu gewinnen, wenn man mir glaubt, und was zu verlieren, wenn man mich überführt? Diese Kosten-Nutzen-Funktion bildet das Fundament vieler Alltagsentscheidungen. Selbst Schweigen oder Halbwahrheiten sind Varianten dieser Kalkulation.
Lügenformel (vereinfachte Heuristik):
Lüge = (subjektive Wahrheit ≠ ausgesprochene Aussage) × (Vorteil – Risiko)
Dabei ist die Wahrheit nicht einfach das Gegenteil der Lüge, sondern die Entscheidung, trotz möglicher Nachteile kongruent zu denken und zu sprechen.
Interessant wird es, wenn Menschen sich so oft selbst belügen, dass sie an ihre Lügen glauben.
Putins Regime hat offenbar (so Muratow aus Nowaja Gazeta) so lange eigene Propaganda gesendet und sie selber dabei gefressen, bis selbst die Machtspitze von der Idee überzeugt war, die Ukraine in drei Tagen einnehmen zu können. Eine Lüge wurde durch Wiederholung zur geglaubten Wirklichkeit, auch für den Lügner selbst.
So verschwimmt dann die Grenze zwischen Lüge und Irrtum. Auch die Lügendetektoren messen ja keine Wahrheit, sondern physiologische Erregung, wer aber fest an die eigene Unwahrheit glaubt, kann sie wahr wirken lassen.
Bei extremen Grenzverschiebungen zwischen Lüge und Irrtum, in Form einer gestörten Realitätsverarbeitung, wird Münchhausen-Syndrom diagnostiert.
Bis hierhin kann man also festhalten:
Auch in der Tierwelt gibt es Formen von Täuschung. Rabenvögel "belügen" ihre Artgenossen, indem sie falsche Verstecke vortäuschen, wenn sie bemerken, dass sie beim Verstecken der Beute beobachtet werden. Der evolutionäre Vorteil liegt auf der Hand: Wer täuschen kann, schützt Ressourcen oder sichert Vorteile.
An der Stelle finde ich es wichtig, folgendes hizuzufügen: Selbst wenn wir zum Teil instinktgesteurent sind und uns durch unser Unbewusstsein leiten lassen, können wir trotzdem, gerade auch mit dem Blick auf die Tiere, eine Kosten-Nutzen-Funktion der Wahrheit-Lüge-Anteil-Optimierung vorschlagen. Unsere Gesellschaft ist durchritualisiert, die Lüge gehört zum Alltag, und nun versuchen wir uns ihr durch eine Formel anzunähern.
Davor aber noch eine Zäsur:
Wahrheit ist bei uns oft moralisch aufgeladen; wir wollen das Gute, das Richtige. Doch jede Wahrheit entsteht ja primär aus Bewertung: Ich sehe etwas, bewerte es als richtig oder falsch, und handle entweder im Einklang mit meiner Bewertung und sage die sogenannte Wahrheit oder ich handele dagegen, und was dabei rauskommt, ist eine Lüge. Beides ist dabei abhängig von meinem subjektiven Urteil, welcher auf ebenfalls subjektiven epistemischen Räumen basiert. Die Wahrheit ist also weder von vorn herein positiv aufgeladen, noch kann sie absolut sein. Sie ist eine der beiden möglichen Folgen von Perspektive, Kontext und Urteil.
Wahrheit und Lüge sind also keine absoluten Pole. Sie sind ein Ausdruck eines komplexen Verhältnisses zwischen Überzeugung, Handlung und Kontext. Sie sind relationale Dynamiken in einem Netz aus epistemischen Räumen, psychologischen Mustern, sozialen Regeln und kulturellen Narrativen.
In Zeiten fragmentierter Öffentlichkeit und algorithmisch kuratierter Informationen wird es immer schwieriger, Wahrheit zu behaupten und immer wichtiger, die Bedingungen ihrer Möglichkeit zu reflektieren.
Damit die Formel auch Ausdruck der Hoffnungslosigkeit bleibt (wir handeln eh nur egoistisch aus der eigenen Nutzenmaximierung heraus), lohnt sich ein Blick auf die Formel aus der Perspektive, wie man einen höheren Nutzen für die Wahrheit produzieren kann, wenn man denn diese Wahrheit auch wirklich hören möchte.
Hier kommt's also, der erste Modellierungsversuch (der natürlich noch viel Luft nach oben hat):
Wir haben Gott ermordet, aber die Kirche steht noch.
Der Mann auf der Wolke ist verschwunden, und doch blieben die Dogmen zurück. Die Institutionen, die uns moralisch zügeln, sind nach wie vor da. Sie tragen eine andere Gewand, auch sie haben sich mit der Zeit gewandelt.
Blickt man zurück in die Geschichte, sieht man, dass jedes Zeitalter sein eigenes Leitdenken hatte.
Im antiken Griechenland zum Beispiel: Dort entstanden die ersten Demokratien, dort wurden die Anfänge der Philosophie und der Wissenschaft gelegt. Zugleich lebte aber auch das magische Denken weiter, die Mythen, die Götter, das Orakel von Delphi. Man konnte Astronomie betreiben und gleichzeitig an Zeus glauben. Wissenschaft und Mythos waren Geschwister, die im selben Haus lebten.
Springen wir einige Jahrhunderte nach vorne ins Mittelalter, wie man es halt so tut bei der Geschichtsbetrachtung. Hier herrschte ein Denken der Ähnlichkeiten. Walnüsse galten als heilsam für das Gehirn, weil sie ihm äußerlich ähnlich sahen. Die Natur war ein Buch voller Analogien, alles verwies aufeinander, alles war durchzogen von einem magischen Netz der Bedeutungen. So oben, wie unten sagte die blühende Alchemie. Die Kirche stand in dieser Welt wie eine übergroße Instanz, die nicht nur Glaubensfragen, sondern die gesamte moralische Ordnung prägte. Und selbst dort, wo Magie und Volksglauben das Denken bestimmten, wirkte im Hintergrund stets eine Instanz, die den Rahmen vorgab: Gott, die Kirche, das moralische Gesetz, das diese vereinzelten magischen Rituale unter eigenem Dach bündeln wollte. Deshalb haben wir noch so Dinge wie Ostereier, die Rituale, die aus dem Heidentum stammten, und die die Kirche unter seine strenge Obhut nahm.
Dann kam die Renaissance, und mit ihr die Rückkehr des Menschen ins Zentrum. Altgriechische Werte waren plötich wieder da. Künstler wie Leonardo da Vinci oder Philosophen wie Pico della Mirandola feierten die Würde des Menschen, seine Freiheit, seine schöpferische Kraft. In diesem Moment schien die Kirche fast wie eine Bremse, eine Macht, die das neue Selbstbewusstsein zügeln musste. Wo der Mensch sich zu sehr in seiner eigenen Größe gefiel, trat die Moralinstanz dazwischen und mahnte zur Demut.
Aber es geschah auch mal das Gegenteil: Wenn der Mensch durch Entdeckungen wie das Mikroskop oder das Teleskop an seine Kleinheit erinnert wurde, wenn er sich plötzlich in einem unermesslichen Kosmos verloren fühlte, brauchte es die Kirche kaum noch, um ihn zu zügeln. Interessanterweise war die Kirche dabei nicht immer nur Gegnerin der Wissenschaft. Gerade Jesuitenwissenschaftler förderten die Entwicklung und den Einsatz des Teleskops, und das Mikroskop wurde sogar als Mittel gefeiert, Gottes Schöpfung in ihrer Feinheit zu bewundern. In diesen Momenten genügte aber letztendlich die bloße Erfahrung der eigenen Winzigkeit, um den Menschen zurück auf den Boden der Tatsachen zu holen. Man könnte fast sagen: Das Verhältnis zwischen menschlicher Hybris und moralischer Instanz oszillierte. Ging es den Menschen zu gut, kam die Kirche, um sie kleinzuhalten. Fühlten sie sich zu klein, übernahm die Natur selbst diese Aufgabe, und die Kirche stand daneben und klopfte verständnisvoll an die Schulter.
Und heute? Wir leben in einer Welt, die auf den ersten Blick frei ist von diesen alten Dogmen. Gott ist tot, und die (vor allem christliche) Kirche hat an Macht verloren. Doch an ihre Stelle ist eine neue Instanz getreten: die Wissenschaft. Sie ist unser Leitdenken geworden, unsere neue Kirche. Ihre Methoden, Formeln und Prüfverfahren sind die moralischen Gebote unserer Zeit. Wer Fragen stellt, die nicht ins Raster passen, riskiert den Ausschluss. Man wird schnell in die Ecke der Esoterik gestellt, selbst wenn man nur vorsichtig darüber nachdenkt, ob es jenseits der mathematischen Modelle noch andere Formen der Epistemie geben könnte.
Das zeigt sich besonders in der akademischen Welt. Da sitzt heute ein Doktorand und ringt monatelang um ein Konzept, baut sorgfältig Fußnoten auf Fußnoten, überprüft jede Quelle, stellt sich die Frage, ob die eigenen Gedanken wohl legitim genug sind. Und aus der Vergangenheit winkt ein Philosoph des 18. Jahrhunderts, der in der Badewanne sitzt, über die Welt nachdenkt, seine Theorie hinschreibt und lakonisch erklärt: So funktioniert die Welt. Fight me, wenn du glaubst, es sei falsch. (Quelle: ein Meme von Grace Mallon)
Natürlich, die Strenge der Wissenschaft hat uns unermessliche Fortschritte gebracht. Niemand möchte in eine Zeit zurück, in der Blitze noch als Zorn des Donnergottes gedeutet wurden oder Krankheiten als Werk böser Geister. Wo der Pest mit Kräuterverbrennung vorgesorgt wurde statt mit funktionierendem Abwassersystem. Wo jede Geburt ein Todesrisiko darstellte und jede Reise auch. Und jeder Wasserschluck auch.
Aber wir sollten uns bewusst machen, dass auch die Wissenschaft ihre Dogmen lebt, ihre Kirche. Heute glauben wir nicht mehr an Zeus oder Teufel, sondern an Formel, Algorithmen und Simulationen. Die Sprache ist eine andere, aber die Funktion bleibt: Sie diszipliniert das Denken, sie grenzt das Sagbare vom Unsagbaren ab.
Wir fühlten uns immer kleiner in dieser durchtechnisierten Welt. Mit der Quantenphysik und der modernen Kosmologie merken wir dann aber plötzlich, dass wir doch nicht so viel verstehen, wie wir dachten. Teilchen, die zugleich Welle sind. Zustände, die erst durch Beobachtung Realität gewinnen. Universen, die vielleicht nur eines unter vielen sind. Das alles klingt beinahe mythisch. Als hätte uns die Wissenschaft an die Grenzen unseres Begreifens geführt, und plötzlich stehen wir wieder dort, wo wir auch im Mythos standen: vor einem Geheimnis, das größer ist als wir.
Gerade hier wäre es wichtig, die alten Denkmuster zu durchbrechen. Natürlich geht es nicht darum, deswegen in eine bodenlose Esoterik zurückzufallen. Aber darum, sich klarzumachen, dass jedes Zeitalter seine Kirche hat, sein Leitdenken und seine Disziplinierungsmechanismen.
Was wir heute brauchen, ist vielleicht eine neue Balance: eine Wissenschaft, die ihre eigenen Grenzen reflektiert, die nicht nur Formeln aufstellt und diese peer reviewt, sondern auch nach ihrem Sinn und Bedeutung sucht. Und eine Philosophie, die nicht nur in Fußnoten spricht, sondern auch den Mut hat, in der Badewanne eine Theorie der Welt zu wagen (und diese dann gerne mit Fußnoten versehen). Und eine Gesellschaft, die versteht, dass das Morden Gottes nicht das Ende der Kirchen war, sondern nur der Beginn einer neuen.
Ich frage mich dann immer: Was würde man rückwirkend über unsere Zeit wohl sagen, außer, dass wir ungeheure Waffen entwickelt haben und ungeheuer viele Kriege führen? Außer, dass wir kluge Computer und soziale Medien erschaffen haben, deren Wirkungen und Auswirkungen (vor allem auf die Kinder) wir kaum mehr nachvollziehen können? Wir reden in Formeln und vergessen, dass es (teils mehr, teils minder funktionierende) Modelle sind, aber keine absoluten Wahrheiten.
Wir haben Gott ermordet, ja. Aber die Kirche steht noch. Die Mauern haben andere Namen, die Priester tragen auch mal eine Jeans. Ob wir darin gefangen bleiben oder lernen, diese Mauer vorsichtig zu schleifen, bis sie durchsichtig werden, ohne dabei mit blinder Esoterik das ganze (in vielen Hinsichten gut funktionierende) Gebäude einzureißen, ist vielleicht die eigentliche Aufgabe unserer Zeit.
Heute habe ich Meta-meditiert.
Oder Metta.
Je nachdem, wie man's aus dem Russischen übersetzen möchte.
Auf jeden Fall, über mich selbst hinausgehend.
Die ruhige Stimme in der Handyapp führte mich durch.
Wie auch immer das also hieß, im Metakontext war das Ziel einfach:
Über das ganze Selbst hinaus, nicht nur über den Körper
Hinausgehen und Gutes wünschen Allem um mich herum.
Der ganzen Welt.
Wärme aussenden.
Gutes wünschen.
Wir tun das eigentlich seit Anbeginn der Zeit.
Gutes wünschen.
Zum Geburtstag, zur Hochzeit, zu Weihnachten.
Immer dann halt, wenn ein Ritual uns daran erinnert,
dass wir die Macht haben, einander Gutes zuzusprechen.
Wir glauben offenbar daran.
Sonst würden wir’s längst nicht mehr tun.
(Ich mein, allein schon das Konzept der selbsterfüllenden Prophezeihung sagt's. Und der Placeboeffekt.)
Warum also so selten?
Warum nur zu Anlässen?
Vielleicht liegt in diesen kleinen kulturellen Gesten
mehr Wahrheit als in manchem Forschungspapier.
Wir nennen es heute Esoterik.
Wir lachen über alte Bräuche,
und doch spucken manche heimlich,
wenn eine schwarze Katze den Weg kreuzt.
Fast alle klirren die Gläser mit Blickkontakt
aus kollektiver Panik vor sieben Jahren schlechtem Sex.
In den Flugzeugen fehlt die dreizehnte Reihe.
So sehr verachten wir die Magie nicht,
wir tarnen sie nur.
Ein bisschen mehr Demut vor dem Unbekannten
würde uns vielleicht entlasten.
Nicht alles muss bewiesen werden,
nicht alles lässt sich statistisch zählen.
Vielleicht gibt es Dinge wie Synchronizität,
die sich gerade deshalb entziehen,
weil unsere Methoden darauf nicht getrimmt sind.
Meta-Meditation heißt dann:
die alte Kunst des Gut-Wünschens neu erinnern.
Und vielleicht einsehen,
dass wir nie ganz ohne Zauber leben können und wollen.