Wir haben Gott ermordet, aber die Kirche steht noch.
Der Mann auf der Wolke ist verschwunden, und doch blieben die Dogmen zurück. Die Institutionen, die uns moralisch zügeln, sind nach wie vor da. Sie tragen eine andere Gewand, auch sie haben sich mit der Zeit gewandelt.
Blickt man zurück in die Geschichte, sieht man, dass jedes Zeitalter sein eigenes Leitdenken hatte.
Im antiken Griechenland zum Beispiel: Dort entstanden die ersten Demokratien, dort wurden die Anfänge der Philosophie und der Wissenschaft gelegt. Zugleich lebte aber auch das magische Denken weiter, die Mythen, die Götter, das Orakel von Delphi. Man konnte Astronomie betreiben und gleichzeitig an Zeus glauben. Wissenschaft und Mythos waren Geschwister, die im selben Haus lebten.
Springen wir einige Jahrhunderte nach vorne ins Mittelalter, wie man es halt so tut bei der Geschichtsbetrachtung. Hier herrschte ein Denken der Ähnlichkeiten. Walnüsse galten als heilsam für das Gehirn, weil sie ihm äußerlich ähnlich sahen. Die Natur war ein Buch voller Analogien, alles verwies aufeinander, alles war durchzogen von einem magischen Netz der Bedeutungen. So oben, wie unten sagte die blühende Alchemie. Die Kirche stand in dieser Welt wie eine übergroße Instanz, die nicht nur Glaubensfragen, sondern die gesamte moralische Ordnung prägte. Und selbst dort, wo Magie und Volksglauben das Denken bestimmten, wirkte im Hintergrund stets eine Instanz, die den Rahmen vorgab: Gott, die Kirche, das moralische Gesetz, das diese vereinzelten magischen Rituale unter eigenem Dach bündeln wollte. Deshalb haben wir noch so Dinge wie Ostereier, die Rituale, die aus dem Heidentum stammten, und die die Kirche unter seine strenge Obhut nahm.
Dann kam die Renaissance, und mit ihr die Rückkehr des Menschen ins Zentrum. Altgriechische Werte waren plötich wieder da. Künstler wie Leonardo da Vinci oder Philosophen wie Pico della Mirandola feierten die Würde des Menschen, seine Freiheit, seine schöpferische Kraft. In diesem Moment schien die Kirche fast wie eine Bremse, eine Macht, die das neue Selbstbewusstsein zügeln musste. Wo der Mensch sich zu sehr in seiner eigenen Größe gefiel, trat die Moralinstanz dazwischen und mahnte zur Demut.
Aber es geschah auch mal das Gegenteil: Wenn der Mensch durch Entdeckungen wie das Mikroskop oder das Teleskop an seine Kleinheit erinnert wurde, wenn er sich plötzlich in einem unermesslichen Kosmos verloren fühlte, brauchte es die Kirche kaum noch, um ihn zu zügeln. Interessanterweise war die Kirche dabei nicht immer nur Gegnerin der Wissenschaft. Gerade Jesuitenwissenschaftler förderten die Entwicklung und den Einsatz des Teleskops, und das Mikroskop wurde sogar als Mittel gefeiert, Gottes Schöpfung in ihrer Feinheit zu bewundern. In diesen Momenten genügte aber letztendlich die bloße Erfahrung der eigenen Winzigkeit, um den Menschen zurück auf den Boden der Tatsachen zu holen. Man könnte fast sagen: Das Verhältnis zwischen menschlicher Hybris und moralischer Instanz oszillierte. Ging es den Menschen zu gut, kam die Kirche, um sie kleinzuhalten. Fühlten sie sich zu klein, übernahm die Natur selbst diese Aufgabe, und die Kirche stand daneben und klopfte verständnisvoll an die Schulter.
Und heute? Wir leben in einer Welt, die auf den ersten Blick frei ist von diesen alten Dogmen. Gott ist tot, und die (vor allem christliche) Kirche hat an Macht verloren. Doch an ihre Stelle ist eine neue Instanz getreten: die Wissenschaft. Sie ist unser Leitdenken geworden, unsere neue Kirche. Ihre Methoden, Formeln und Prüfverfahren sind die moralischen Gebote unserer Zeit. Wer Fragen stellt, die nicht ins Raster passen, riskiert den Ausschluss. Man wird schnell in die Ecke der Esoterik gestellt, selbst wenn man nur vorsichtig darüber nachdenkt, ob es jenseits der mathematischen Modelle noch andere Formen der Epistemie geben könnte.
Das zeigt sich besonders in der akademischen Welt. Da sitzt heute ein Doktorand und ringt monatelang um ein Konzept, baut sorgfältig Fußnoten auf Fußnoten, überprüft jede Quelle, stellt sich die Frage, ob die eigenen Gedanken wohl legitim genug sind. Und aus der Vergangenheit winkt ein Philosoph des 18. Jahrhunderts, der in der Badewanne sitzt, über die Welt nachdenkt, seine Theorie hinschreibt und lakonisch erklärt: So funktioniert die Welt. Fight me, wenn du glaubst, es sei falsch. (Quelle: ein Meme von Grace Mallon)
Natürlich, die Strenge der Wissenschaft hat uns unermessliche Fortschritte gebracht. Niemand möchte in eine Zeit zurück, in der Blitze noch als Zorn des Donnergottes gedeutet wurden oder Krankheiten als Werk böser Geister. Wo der Pest mit Kräuterverbrennung vorgesorgt wurde statt mit funktionierendem Abwassersystem. Wo jede Geburt ein Todesrisiko darstellte und jede Reise auch. Und jeder Wasserschluck auch.
Aber wir sollten uns bewusst machen, dass auch die Wissenschaft ihre Dogmen lebt, ihre Kirche. Heute glauben wir nicht mehr an Zeus oder Teufel, sondern an Formel, Algorithmen und Simulationen. Die Sprache ist eine andere, aber die Funktion bleibt: Sie diszipliniert das Denken, sie grenzt das Sagbare vom Unsagbaren ab.
Wir fühlten uns immer kleiner in dieser durchtechnisierten Welt. Mit der Quantenphysik und der modernen Kosmologie merken wir dann aber plötzlich, dass wir doch nicht so viel verstehen, wie wir dachten. Teilchen, die zugleich Welle sind. Zustände, die erst durch Beobachtung Realität gewinnen. Universen, die vielleicht nur eines unter vielen sind. Das alles klingt beinahe mythisch. Als hätte uns die Wissenschaft an die Grenzen unseres Begreifens geführt, und plötzlich stehen wir wieder dort, wo wir auch im Mythos standen: vor einem Geheimnis, das größer ist als wir.
Gerade hier wäre es wichtig, die alten Denkmuster zu durchbrechen. Natürlich geht es nicht darum, deswegen in eine bodenlose Esoterik zurückzufallen. Aber darum, sich klarzumachen, dass jedes Zeitalter seine Kirche hat, sein Leitdenken und seine Disziplinierungsmechanismen.
Was wir heute brauchen, ist vielleicht eine neue Balance: eine Wissenschaft, die ihre eigenen Grenzen reflektiert, die nicht nur Formeln aufstellt und diese peer reviewt, sondern auch nach ihrem Sinn und Bedeutung sucht. Und eine Philosophie, die nicht nur in Fußnoten spricht, sondern auch den Mut hat, in der Badewanne eine Theorie der Welt zu wagen (und diese dann gerne mit Fußnoten versehen). Und eine Gesellschaft, die versteht, dass das Morden Gottes nicht das Ende der Kirchen war, sondern nur der Beginn einer neuen.
Ich frage mich dann immer: Was würde man rückwirkend über unsere Zeit wohl sagen, außer, dass wir ungeheure Waffen entwickelt haben und ungeheuer viele Kriege führen? Außer, dass wir kluge Computer und soziale Medien erschaffen haben, deren Wirkungen und Auswirkungen (vor allem auf die Kinder) wir kaum mehr nachvollziehen können? Wir reden in Formeln und vergessen, dass es (teils mehr, teils minder funktionierende) Modelle sind, aber keine absoluten Wahrheiten.
Wir haben Gott ermordet, ja. Aber die Kirche steht noch. Die Mauern haben andere Namen, die Priester tragen auch mal eine Jeans. Ob wir darin gefangen bleiben oder lernen, diese Mauer vorsichtig zu schleifen, bis sie durchsichtig werden, ohne dabei mit blinder Esoterik das ganze (in vielen Hinsichten gut funktionierende) Gebäude einzureißen, ist vielleicht die eigentliche Aufgabe unserer Zeit.