Spazierganggedanken in Hodenhagen
Wir Menschen sind seltsame Tiere.
Ich sitze mit meiner Hündin auf einer kleinen Wiese. Lauwarmer Sommerabend in Hodenhagen. Wir starren (vor allem meine Hündin Sabrina) die drei Pferde gegenüber an, die mitten im Feld hinter einer kleinen Absperrung grasen. Sie tragen seltsame Überzüge über ihren Gesichtern, die ihre Augen komplett verdecken.
Meine Sabrina, die sonst keine 2 Sekunden an Ort und Stelle bleiben kann, setzte sich im ersten Anblick dieser drei riesigen Tiere fast schon bedächtig hin und fixierte sie mit dem Blick. Ich setzte mich dazu. 15 Minuten vergingen schon, vielleicht auch mehr, ich blicke nicht auf die Uhr. Wir sitzen da und starren die Pferde an. Die Pferde grasen. Die Sonne steht tief, der Abend bricht langsam ein.
Ich spüre immer mehr die Schreiblaune in mir, wie anrollende Wellen der Bedächtigkeit, und doch habe ich das Gefühl, dass ich, sobald ich es beschreibe, sofort die Tiefe dieses Augenblicks verliere. Als müsste ich die Situation so lange wie möglich hinauszögern, so wie man auch einen Orgasmus hinauszögern möchte, um den Schwebezustand des Noch-nicht-Geschehenen zu verlängern. Dieses Gefühl, dass da eine Bedeutung in der Luft hängt, die sich nicht ganz fassen lässt und der, sobald man sie eben erfasst, ihre Intensität entweicht.
Über uns sammeln sich die Wolken, die Sonne geht hinter ihnen langsam unter. Durch die dichten Schichten brechen lange dicke Lichtstrahlen hindurch, wie auf einem Gemälde. Die Kanten der Wolken glühen dabei orange im Gegenlicht. Ich stelle mir vor, wie ein Maler der Renaissance solch einen Anblick als Inspiration nimmt, um daraus eine Szene der Niederkunft Gottes zu kreieren. Die Natur selbst ist so gesehen göttlich, sie entzieht sich, wenn man sie beschreiben will. Und das noch lange vor Heisenberg.
In letzter Zeit suchen mich oft Gedanken heim, dass wir nur kurze Gäste auf diesem Planeten sind. Ich versuche, sie wegzuschieben; vergeblich. Die Synapsen haben zu oft in diese Richtung gefeuert; die Bahn ist zu tief. Immer wenn ich keinen akuten Stress habe, wandern sie dorthin. Vielleicht ist es genau das, was in Kalendersprüchen heißt: Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter. Doch gerade diese Glückseligkeit, die der zweite Halbsatz neben unserer Vergänglichkeit suggeriert, ist ein flüchtiges Gefühl. Sie entgleitet, sobald man sie fangen will. Ich weiß nicht mehr, ob es Sinn ergibt, ihr nachzujagen.
Vor allem, wenn man sich so schnell dabei ertappt, dass man manchmal einfach ein durch Hormone, Unbewusstes und/oder ein so genanntes System 1 (schnelles, automatisches Denken, ganz grob gesagt) getriebenes Wesen ist. Neulich habe ich meinen Handycode geändert, weil ich mich bei dem alten, extra komplizierten, viel zu oft vertippt hatte. Und doch zwingt mich mein System 1 noch immer, den alten Code einzutippen. Ich fühle mich von meinen eigenen Automatismen überlistet. So wie bei einem Lichtschalter, den man nach dem Umstellen noch wochenlang an der alten Stelle antippt.
Je mehr ich mich mit Quantenphysik beschäftige, desto stärker wird mir bewusst, dass Physik und Philosophie zwei Seiten derselben Medallie sind: Die Physik kleidet die Mutmaßungen in strenge Logik, die Philosophie in Begriffe. Aber beide tasten seit jeher nach dem, was wir (noch) nicht wissen. Je mehr wir dann dazulernen, desto länger wird bei der wachsenden Insel unseres kollektiven Wissens auch die Küste zum Unbekannten. Das ist ein ganz normaler Prozess.
Wir jagen die Kleinstteilchen durch CERN, und unsere Satelliten, die dank Relativitätstheorie ihre Zeit anpassen, ermöglichen uns die GPS auf der Erde in unserer Echtzeit. Wir haben unser DNA quasi entschlüsselt. Impfungen gegen tödliche Krankheiten entwickelt. Wir scheinen richtig weit gekommen zu sein. Und das sind wir auch. Wirklich.
Und doch lohnt es sich, immer weiter hinter die Küste in die Gewässer des Unwissenheitsozeans zu blicken. Woraus bestehen die Teilchen, die wir beschreiben? Sind es überhaupt Teilchen, oder sind es Schwingungen der Felder? Wenn letzteres, woraus bestehen dann diese Felder? Warum erleben wir subjektive Qualia? Wozu haben wir das (Selbst-)Bewusstsein? Wir rechnen mit unseren mathematischen Modellen Dinge aus, und sind in unseren Vorhersagen extrem erfolgreich. Unsere Flugzeuge fliegen, Computer funktionieren, eine Super-KI ist im Anmarsch, vielleicht ist auch das Heilmittel gegen Krebs in absehbarer Zukunft da. All das funktioniert ganz gut nach all unseren Modellen (abgesehen von der Quantenphysik, die hält noch viele Überraschungen für uns bereit). Aber ansonsten ist die Zuverlässigkeit unserer Modelle so verführerisch, dass wir oft vergessen, dass das alles nur Modelle sind. Und das, was dahinter liegt, uns verborgen bleibt. Auf ewig? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.
Wir sind jedenfalls, trotz aller Technik, eben fortgeschrittene Tiere, die ihre eigenen Automatismen beobachten und ihnen anheimfallen.
Was kann man von uns fordern, als solcher Art Tiere? Wir sind zwar fähig, uns selbst moralische Gesetze zu geben und dennoch sind wir zutiefst anfällig, sobald es uns persönlich betrifft. Vor einigen Wochen debattierte ich mit einer Freundin über eine strittige #MeToo-Situation, wo meiner Meinung nach vieles darauf hingewiesen hatte, dass die Frau ihren Ex-Freund aus Neid fertig machen und aus der Medialität des Ganzen Profit schlagen wollte. Die Freundin und ich waren uns erstmal in allem einig. Dass die Untersuchungen eingeleitet werden sollen, mit möglichst vielen Zeugen, um das Ganze aufzuklären. Dass Argumente beider Seiten kritisch geprüft werden sollen. Dass #MeToo an sich als Bewegung wichtig und richtig ist, und es kann aber passieren, dass sie, wie jede gute Bewegung auch mal missbraucht werden kann. Dass man nicht anhand einer einzigen ungeprüften Beschludigung auf die Schuld eines Menschen schließen darf. Und dass man gleichzeitig Gewalt (unter anderem psychische) in Beziehungen keinesfalls kleinreden oder unterschätzen darf. Soweit teilten wir also eine gemeinsame moralische Grundlage.
Und dann aber, als wir uns an die Bewertung der Situation wagten, erzählte sie einen Fall aus ihrem persönlichen Umkreis, in dem eine Frau psychisch und physisch in einer Beziehung missbraucht wurde; und ich einen, aus meinem Umkreis, in dem ein Mann unschuldig beschuldigt wurde. Wir hörten auch weiter einander zu, stimmten in vielem überein, und dennoch blieben wir uneins. Das führte dazu, dass wir diese strittige Ausgangssituation am Ende des Tages unterschiedlich bewerteten. Denn letztlich führen alle unsere Überzeugungen, wie moralisch sie auch sind, zurück auf die Erfahrungen, die wir selbst oder Menschen in unserem Umfeld gemacht haben. Das ist ernüchternd, und doch das ist zutiefst menschlich.
Vor zwei Tagen musste ich mit meiner Tochter ins Krankenhaus. Sie sollte eine kleine Augen-OP unter Narkose bekommen. Mein System 1 (oder System 2, vielleicht auch beide) malten mir Schreckensszenarien aus. Dass es schief gehen würde. Dass sie nicht wieder aufwachen könnte. Den ganzen Tag lief ich mit riesigem Kloß im Bauch herum. In solchen Momenten wird einem klar: Wenn es den Liebsten nicht gut geht, zählt alles andere nicht. Arbeit, Philosophie, Masterarbeit – alles verblasst.
Aber gerade dort, in der Begegnung mit Krankenschwestern, Ärzten, Patienten, zeigte sich eine andere Tiefe:
Der ältere Herr, der meiner Tochter Mut zusprach und eine High-Five gab.
Die Narkoseärzte, die ihr zum Einschlafen ihre Lieblingsserie anmachten.
Die Mitpatientin, die ihre Waffel mit ihr teilte, als der Hunger nach der Operation kam.
Der Arzt, der ihr eine Tapferkeitsurkunde unterschrieb.
Die Krankenschwester, die ihr die letzten Kartoffelknödel aufhob und die Infusionsnadel früher entfernte als vorgeschrieben, weil es ihr wehtat.
All das hatte etwas zutiefst Menschliches. Es war eine menschliche Liebe, die dieser (teils sehr triste) Ort ausstrahlte.
Als Teenager liebte ich düstere Filme und Bücher. Ich las Dostojewski und verachtete Komödien; ich hielt sie für naiv-wohlwollendes Zeichnen einer Welt, die so nicht existiert. Liebe erschien mir damals kitschig, wie eben ein flüchtiges Gefühl der Verliebtheit, das man in diesem Alter so leicht mit ihr verwechselt. Heute, mit etwas Abstand, sehe ich das anders. Ich glaube, oder hoffe zumindest, dass es ein erstes Zeichen von Reife ist, die Liebe nicht mehr als Kitsch abzutun, sondern als etwas Urmenschliches zu begreifen. In meinem Theaterleben habe ich gelernt, dass es viel leichter ist, ein Drama zu inszenieren, wo alles tragisch misslingt und Menschen an bösen und teils sinnlosen Zufällen zerbrechen, als eine gute Komödie, die zugleich wahrhaftig und lustig ist. Ein beliebiges Drama zu entwerfen ist einfach - auch im echten Leben; es führt fast automatisch in ein Weltbild der verbitterten Hoffnungslosigkeit. Und trotzdem ist es der leichtere Weg, der widerstandslos gelingt. Es ist immer genug Hass da, und wer sucht, der findet. Aber die Liebe, nicht die romantische Verliebtheit, sondern die tiefe, schlichte, urige menschliche Liebe, als wertvoll und tragfähig zu erkennen und sie bewusst in die Welt zu tragen: das ist das Schwierigere, aber auch das Ziel. Und erst jetzt, offiziell in das vierte Jahrzehnt eintretend, beginne ich das wirklich zu begreifen.
Und dann dachte ich: Dieses Bild vom einsamen Genie, das Entdeckungen macht oder Meisterwerke schreibt, stimmt nicht. Jedes Werk entsteht durch die Gemeinschaft und durch unzählige Hände: Lehrer, Ärzte, Haushaltshelfer, und, historisch, leider auch durch Sklaven. Kant konnte sein kategorisches Imperativ ergrübeln, weil er nicht selber kochen oder putzen musste.
So wurde mir bewusst, dass Hannah Arendts Unterscheidung von Arbeiten, Herstellen und Handeln nicht wirklich trägt: Denn Handeln ist nur möglich, wenn auch gearbeitet wird, sei es von einem selbst oder von anderen.
Und noch etwas: Je mehr wir sehen, wie fehlbar unser System 1 ist, desto klarer wird es, dass wir uns nicht als isolierte Bewusstseinssender begreifen sollten. Wir sind vielmehr Empfänger, kleine Teile eines Ganzen, das sich selbst durch uns zu verstehen versucht. (Mir ist der wissenschaftlich-experimentelle Panpsychismus sehr sympatisch, das gebe ich gerne zu).
Natürlich tragen wir alle unser Ego, unsere Antriebe, unseren Stolz in uns. Doch der größere Teil unseres Tuns ist uns nicht bewusst. Wir handeln erst und erfinden dann nachträglich Gründe dafür. Wir sind stärker instinktgesteuert, als uns lieb ist. Und solange das so ist, können wir nur in der Gemeinsamkeit bestehen. Jeder Einzelne ist wichtig, nicht nur für sich, sondern als Teil des Ganzen.
Vielleicht sollten wir, wenn wir anderen Menschen begegnen, uns öfter daran erinnern: Wir sind eine Spezies, gemeinsam auf diesem Planeten, gemeinsam bemüht, uns selbst und die Welt zu begreifen.
Sabrina steht langsam auf und streckt sich. Schaut mich an mit ihren großen braunen Augen. Ich komme zurück aus der Gedankenparallelwelt. Na gut, sag ich, poschli. Werfe den letzten Blick zu den Pferden. Wir gehen heim. Unsere Liebsten warten im Hotel auf uns. Morgen ist Safari. Da wird Sabrina ja richtig staunen, wenn ihr die Pferde schon so angetan haben.
(Update: Ich hatte recht. Immerhin hat sie eine Freundschaft mit dem Schaf geschloßen, einen Kamelen abgeleckt und bellend einen Strauß vom Auto ferngehalten).