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Don‘t happy, be worry

Arten von Glück, Arten von Sinn: Leben wir in einer Epikur-Gesellschaft?

Wenn wir heute über Glück reden, tun wir oft so, als wüssten alle, wovon die Rede ist. „Sei doch einfach glücklich“, „Tu, was dich glücklich macht“, „Hauptsache, du bist happy“. Aber sobald man genauer hinschaut, zerfällt dieses Wort in lauter verschiedene Bedeutungen. Genau aus so einer philosophischen Diskussion über den Terminus „Glück“ ist dieser Text entstanden: Was ist Glück eigentlich, welche Formen lassen sich unterscheiden, und ist ein Gesellschaftsentwurf denkbar, in dem Glück nicht das oberste Ziel ist, ohne dass alles sofort in Dystopie und Unterdrückung kippt?

Dabei streift die Frage vieles auf einmal: Evolutionsgeschichte, antike Philosophie, Konsumgesellschaft, Social Media, subjektive Statistiken und unsere eigene psychische Gesundheit. Ich versuche im Folgenden, diese Fäden so geordnet wie möglich aufzunehmen, ohne sie zu vereinfachen.


Liegt das Streben nach Glück in der Natur des Menschen?

Eine erste Grundfrage lautet: Ist das Streben nach Glück etwas, das dem Menschen so tief eingeschrieben ist, dass wir uns gar keinen anderen Gesellschaftsentwurf vorstellen können? Oder wäre auch eine Kultur denkbar, in der nicht Glück, sondern etwas anderes im Zentrum steht, zum Beispiel Pflicht, Tugend, Erkenntnis, Schönheit, Macht oder schlicht das Überleben?

Historisch betrachtet scheint Glück zunächst gar nicht im modernen Sinn das Thema gewesen zu sein. In frühen Gemeinschaften von Jägern und Sammlern ging es vor allem um Sicherheit, Nahrung, Zugehörigkeit. Es gibt die verbreitete These, dass es ihnen „besser“ ging, weil ihr Stresssystem auf reale Gefahren kalibriert war, statt wie heute dauerhaft auf Stress-Standby zu laufen. Dagegen lässt sich aber einwenden, dass auch frühere und „natürlichere“ Lebensformen von Leid, Angst, Verlust und inneren Krisen geprägt waren. Es gibt Berichte von Suiziden schon in antiken oder vormodernen Gesellschaften. Unglück ist also keine Erfindung der Moderne.

Man kann also schwer behaupten, es habe einmal eine paradiesische Zeit „vor dem Unglück“ gegeben. Was sich durchaus verändert hat, ist eher die Deutung und der Umgang mit Leid. In religiös geprägten Gesellschaften konnte Schmerz als Prüfung, Strafe, Fügung oder Weg zu Gott interpretiert werden. Heute wird Leiden psychologisch, medizinisch oder sozioökonomisch gerahmt. Der menschliche Grundkonflikt bleibt aber bestehen: Wir wollen weniger leiden und mehr Erfüllung, mehr Sinn. Die Frage ist nur, ob wir das, was wir letztlich suchen, wirklich treffend mit „Glück“ bezeichnen.


Drei Bedeutungen von Glück: Zufall, Kick, Lebenssinn

Im Deutschen trägt das Wort „Glück“ erstaunlich viel auf einmal. Im Englischen ist das differenzierter:

  1. Luck: Glück im Sinne von Zufall
    Zum Beispiel Glück im Spiel, ein Lottogewinn, zufällig den letzten Sitzplatz im Zug zu erwischen. Dieses Glück hat fast nichts mit Lebensführung zu tun, es ist kontingent.
  2. Joy: Glück als kurzfristiger Gefühlszustand
    Das sind die Dopaminkicks, die wir kennen: ein gutes Essen, Likes auf Social Media, ein erfolgreicher Abend, ein Kompliment, kurzzeitiges „feels good“. Neurophysiologisch gut erklärbar, oft schnell, intensiv und ebenso schnell verflogen.
  3. Happiness: Glück als länger anhaltende Lebenszufriedenheit
    Das ist die Ebene, auf der wir fragen: Fühlt sich mein Leben sinnvoll an? Tragen meine Beziehungen, mein Beruf, mein Alltag eine Art inneren Faden, der über Tage, Monate, Jahre trägt? Dieses Glück ist nicht nur ein Zustand, sondern eng mit Sinnwahrnehmung verknüpft.

In Diskussionen und in der Öffentlichkeit werden diese Ebenen gerne durcheinandergeworfen. Jemand sagt „Ich will doch nur glücklich sein“, meint aber manchmal eher Ruhe und Sicherheit, manchmal Aufregung und Erlebnis, manchmal tiefe Sinnhaftigkeit. Wenn wir über „eine glückliche Gesellschaft“ sprechen, ist meist unklar, welche Art von Glück eigentlich gemeint ist.

Hilfreich finde ich daher die These:

Für das langfristige Glück, das wir oft wirklich meinen, lässt es sich fast gleichsetzen mit Sinnerfahrung. Fragen wir „Bist du glücklich?“, könnten wir genauso gut fragen: „Erlebst du dein Leben als sinnvoll?“. 


Akzeptanz oder Streben: Was bringt uns weiter?

In unserer Diskussion prallten zwei Haltungen aufeinander:

  • die Akzeptanzposition, die sagt:
    „Nimm an, was du nicht ändern kannst, sei dankbar, senke deine Erwartungen, dann geht es dir besser.“
  • die Strebensposition, die sagt:
    „Gerade die Unzufriedenheit ist Motor von Entwicklung und Fortschritt. Ohne Unruhe bleibt alles, wie es ist.“

Beide Seiten haben starke Argumente.

Für die Akzeptanz spricht: Wer beständig etwas fordert, was die Realität nicht hergibt, produziert sich selbst immer neue Enttäuschungen. Dankbarkeit, innere Gelassenheit und das Anerkennen von Grenzen können das Leben entlasten. Viele spirituelle Strömungen zielen auf diese Form von Gelassenheit.

Für das Streben spricht aber: Ohne Unzufriedenheit würden wir vieles, was heute selbstverständlich ist, gar nicht haben. Unsere Vorfahren haben in feindlichen Umwelten überlebt, gerade weil sie sensibel, wach, besorgt und umtriebig waren. Evolutionär hatten vermutlich diejenigen einen Vorteil, die mehr Angst, mehr Stress, mehr Vorahnung hatten statt diejenigen, die alles gelassen hinnahmen.

Auch kulturell kann man sagen: Wo Menschen sich nicht mit Leid abgefunden haben, sondern nach Lösungen gesucht haben, entstand Fortschritt. Statt nach der Pest einfach die nächste Kathedrale der Dankbarkeit zu bauen, haben Menschen Hygiene, Medizin und Impfungen entwickelt. Dieselben Menschen haben auch Infrastruktur, Gesundheitswesen und demokratische Institutionen aufgebaut. Das sind alles Früchte der Unzufriedenheit und der Weigerung, Elend als gegeben hinzunehmen.

Statt Akzeptanz gegen Streben auszuspielen, lohnen sich vielleicht folgende Fragen:

Wann ist Unzufriedenheit produktiv, wann zerstörerisch? Wann kann wirklich sagen, ich hätte das nicht in der Hand? Und wann übernimmt man sich mit der Haltung, wir Menschen könnten potenziell alles in der Hand haben, selbst wenn es heute noch nicht soweit ist?


Epikur und die Stoiker: Zwei alte Antworten auf ein modernes Problem


Epikur: Glück zuerst, Tugend danach

Epikur wird oft sehr verkürzt wiedergegeben, so als hätte er für hemmungslosen Genuss plädiert. Tatsächlich war seine Vorstellung von Lust eher maßvoll. Er betont Ruhe, Freiheit von Angst, einfache Freuden, Freundschaft. Trotzdem ist bei ihm klar: Das Ziel ist Glück. Tugend, Vernunft, Einsicht sind Mittel, um dieses glückliche, möglichst unerschütterliche Leben zu erreichen. Ein Mensch, der innerlich friedlich ist, kann deshalb vernünftig und gut handeln.

Dieses Programm ist erstaunlich modern. Viele Ratgeber und Selfcare-Konzepte klingen erstaunlich ähnlich: Erst du selbst, deine Me-Time, deine innere Balance. Dann kannst du auch „für andere da sein“ oder „die Welt verbessern“. Zugleich ist dieses Konzept aber latent apolitisch. Epikur empfiehlt ein Leben im Verborgenen, im Kreis der Freunde, möglichst abseits der großen Bühne von Macht und Staat. Glück ist etwas Privates.


Stoiker und Kant: Tugend zuerst, Glück als Folge

Die stoische Haltung, wie sie etwa mit Zenon verbunden wird, setzt ganz anders an. Glück ist hier nicht das Ziel, sondern ein Nebenprodukt. Entscheidend ist, ob ich tugendhaft und im Einklang mit meiner Natur und der Vernunft lebe. Ich soll tun, was richtig ist, unabhängig davon, ob es sich gut anfühlt. Ein sinnvolles, pflichtbewusstes Leben führt dann zwar idealerweise zu innerer Ruhe, aber diese Ruhe ist kein Selbstzweck.

In der Neuzeit wird diese Linie wieder aufgenommen, zum Beispiel bei Kant: Das „moralische Gesetz in mir“ ist maßgeblich, nicht mein Lustempfinden. Glück ist zwar auch ein Thema, aber das, was den Menschen eigentlich auszeichnet, ist seine Fähigkeit, aus Pflicht zu handeln und das Gute um seiner selbst willen zu wollen.

Wenn man das grob vereinfachen will, könnte man sagen:

  • Epikurische Linie: Glück als Ziel, Tugend als Mittel
  • Stoisch–kantische Linie: Tugend als Ziel, Glück als Folge

Generationenkonflikt und Leistungsdruck

Ältere Generationen hatten oft deutlich mehr Pflichten: Familie, Arbeit, gesellschaftliche Rollen, weniger Wahlmöglichkeiten. Viele lebten eher in einer stoischen Grundhaltung: Man fügt sich, man tut, was getan werden muss, man beschwert sich wenig.

Jüngere Generationen sind heute eher epikureisch geprägt: Selbstentfaltung, Selbstfürsorge, Work-Life-Balance Indie berüchtigte Me-Time. Sie haben in vieler Hinsicht mehr Freiheit: längere Ausbildungszeiten, weniger starre gesellschaftliche Erwartungen, mehr Selbstbestimmung. Gleichzeitig erleben viele einen Mangel an Pflicht, Verbindlichkeit und festen Aufgaben. Das kann paradoxerweise zu Sinnverlust führen, obwohl man sich eigentlich die ganze Zeit so stark um sich selbst kümmert.

Dazu tritt der Konsumdruck, die permanente Vergleichbarkeit durch Social Media und der Anspruch, sich selbst permanent zu optimieren. Man könnte zuspitzen:

Wir sind epikurisch in unseren Werten, aber stoisch in unserem Leistungsdruck. Wir wollen Genuss, Selbstentfaltung, Sicherheit und gleichzeitig ständig mehr davon. Das erzeugt Dauerspannung.


Konsumgesellschaft und die Jagd nach Glück

In einer Konsumgesellschaft wird die Frage nach dem Glück in Produkte und Dienstleistungen kaufen, und die ständige Selbstoptimierung übersetzt. Glück verspricht sich in:

  • immer neuen Dingen aus der von überall aufkam einprasselnder Werbung
  • immer neuen Erlebnissen (begleitet von Fomo als Kehrseite)
  • immer neuen Angeboten, um sich selbst noch ein bisschen besser zu gestalten

Die Kombination aus Konsum und Social Media verstärkt dieses Muster. Wir zeigen die glänzenden Oberflächen unseres Lebens und vergleichen uns mit den Hochglanzoberflächen der anderen. Dankbarkeitstagebücher, Happiness-Challenges, „10 Steps to Your Best Self“ können hilfreich sein, sie können jedoch auch Teil eines Systems werden, in dem sich niemand erlaubt, einfach unglücklich, überfordert oder leer zu sein.

Es entsteht ein subtiler Druck: Wenn du nicht glücklich bist, hast du noch nicht genug an dir gearbeitet, nicht genug konsumiert, nicht genug optimiert. Glück wird zur Bringschuld des Einzelnen. Jemand brachte es in der Diskussion auf den Punkt: Statt individueller Tugend verwirklichen wir heutzutage individuelle Gier.

Und die Gier muss dabei nicht nur materiell sein, sie kann auch Gier nach Anerkennung, nach innerem Hochgefühl, nach ständiger Selbststeigerung sein.


Der Happiness-Index: Messen wir wirklich, was wir meinen?

Ein Beispiel dafür, wie dünn unsere Glücksbegriffe manchmal sind, ist der bekannte „Happiness Report“. Den Menschen in fast allen Ländern der Welt wird eine Frage gestellt: „Wie glücklich sind Sie auf einer Skala von 1 bis 10?“ Dann verknüpft man diese Selbstangaben im Nachhinein mit Faktoren wie Bruttoinlandsprodukt, politischer Freiheit, sozialer Sicherheit, Gesundheitswesen.

Hierbei zeigen sich mehrere Probleme:

  1. Direkte Selbstauskunft ist heikel
    In der Sozialforschung weiß man: Wenn man den Probanden sehr direkte Fragen stellt, verfehlen Menschen oft die eigene Realität, weil Scham und kulturelle Normen in uns immer mitsprechen. Niemand würde in einem Alkoholismus-Fragebogen direkt fragen „Sind Sie Alkoholiker?“, sondern eher: „Wie oft trinken Sie abends ein Glas Wein?“ oder „Wie oft haben Sie in letzten Monaten einen Vollrausch gehabt?“. 
    Beim Glück dagegen vertraut man aber plötzlich darauf, dass Menschen einfach ehrlich auf einer Skala antworten können, obwohl es kulturell sehr unterschiedlich ist, ob man eher gerne kollektiv jammert oder „alles gut“ sagt.
  2. Kulturelle Unterschiede
    Skandinavische Länder landen weit oben auf der Glücksskala. Gleichzeitig gibt es dort zum Teil hohe Suizidraten. Länder wie Ungarn schneiden subjektiv schlecht ab, obwohl die objektiven Lebensbedingungen nicht extrem weit hinter anderen Ländern liegen. In manchen Kulturen ist das „Meckern“ einfach ein gesellschaftlicher Standard, in anderen ist höfliche Zufriedenheit die Norm.
  3. Korrelation ist keine Kausalität
    Der Bericht versucht aus den Daten abzuleiten, welche Faktoren Glück beeinflussen. Aber die meisten Zusammenhänge sind Korrelationen. Sie sagen wenig darüber aus, was tatsächlich Ursache und Wirkung ist. Das wird da einfach hineininterpretiert.

Damit soll nicht gesagt sein, dass solche Berichte wertlos sind. Sie zeigen schon einige Tendenzen und Unterschiede. Aber sie greifen zu kurz, wenn sie den tiefen, sinnbezogenen Charakter von „Happiness“ erfassen wollen.

Es bleibt die Frage: Messen wir wirklich das, was wir unter einem erfüllten Leben verstehen, oder eher eine Mischung aus Zufriedenheit, Erwartungsniveau und kultureller Höflichkeit?


Ist eine Gesellschaft ohne Glücksfixierung denkbar?

Zurück zur Ausgangsfrage: Ist es möglich, einen Gesellschaftsentwurf zu denken, in dem Glück nicht das zentrale Ziel ist, ohne dass wir in eine Dystopie von Unterdrückung und Leid geraten?

Eine rein „anti-glückliche“ Gesellschaft, in der Leid zum Programm erhoben wird, wäre offensichtlich destruktiv. Die Frage zielt eher darauf, ob wir die Priorität verschieben können. Zum Beispiel hin zu:


  • Sinn statt Glück
    Die Leitfrage wäre nicht „Bin ich glücklich?“, sondern „Hat mein Leben Sinn?“ Das schließt Leid nicht aus, sondern integriert es vielleicht sogar als Teil einer sinnvollen Biografie.
  • Tugend statt Erlebnis
    Statt möglichst viel zu fühlen, wäre wichtig, wer wir werden. Die Qualität des Charakters, nicht die Quantität der Dopaminkicks.
  • Beitrag statt Selbstoptimierung
    Der Wert einer Person könnte stärker an der Frage hängen, was sie beiträgt, statt an der Frage, wie sehr sie sich selbst optimiert hat.

Das bedeutet nicht, das Bedürfnis nach Glück abzuschaffen. Wahrscheinlich ist das sowieso weder möglich noch erstrebenswert. Aber man könnte das Streben nach Sinn und Tugend ins Zentrum setzen, und Glück eher als Nebenwirkung akzeptieren. Vielleicht wäre die Obsession mit Glück dann schwächer. Vielleicht wäre es leichter, unglückliche Phasen als Teil eines gelingenden Lebens zu sehen, statt als Anzeichen persönlichen Versagens.


Philosophien jenseits des Glücks

Philosophiegeschichte lässt sich auch als Geschichte der Distanznahmen zum Glück lesen. Immer wieder haben Denker versucht, den Menschen nicht über Lust, Zufriedenheit oder Freude zu definieren, sondern über etwas Tieferes, Widerständigeres.

Während Epikur noch das Glück zur Leitkategorie macht – wenn auch in einer besonnenen, schmerzfreien Form –, steht ihm schon die stoische Tradition entgegen, die Glück nicht als Ziel, sondern als Nebenwirkung eines tugendhaften Lebens versteht. Kant verschärft diesen Gedanken: Glück ist zu unbestimmt, zu zufällig, um moralischer Maßstab zu sein. Der Mensch ist nicht dafür da, glücklich zu sein, sondern seines Menschseins würdig. Sein Wert liegt in der Fähigkeit, aus Pflicht zu handeln, nicht aus Neigung.

Andere kehren die Perspektive radikaler um. Schopenhauer erklärt Glück zur Täuschung: ein kurzer Stillstand im endlosen Drang des Willens, der alles lebendige durchzieht. Wer nicht leiden will, muss den Willen selbst verneinen – also den Wunsch nach Glück ablegen. Nietzsche wiederum verwirft das Glück als Ideal der „letzten Menschen“ – zu bequem, zu satt, zu glückbetäubt eben. Für Nietzsche ist das Leben nicht dafür da, um uns ständig glücklich zu machen. Ihr Wert liegt vielmehr in der Intensität, Schöpfung, Selbstüberwindung.

Auch Heidegger schreibt das Glück als eine oberflächliche Kategorie ab: unser Dasein ist nicht zur Zufriedenheit, sondern zur Sorge bestimmt. In der Sorge liegt die Wahrheit des Seins. 

Camus schließlich umarmt die Sinnlosigkeit des Daseins: Das Leben ist absurd, aber wir können Ja dazu sagen, und zwar nicht indem wir glücklich werden, sondern indem wir eben dieses Absurde bejahen.

In der Gegenwart hat sich das Problem verlagert. Bei Foucault geht es nicht um Glück, sondern um die Fähigkeit, sich selbst zu formen, den Diskursen und Machtverhältnissen nicht passiv zu gehorchen. Luhmann interessiert sich gar nicht für Gefühle, sondern für die Selbstreferenz von Systemen – Glück ist für ihn ein gesellschaftlich codiertes Signal, kein Ziel. Posthumanistische Denker wie Donna Haraway verwerfen den anthropozentrischen Maßstab überhaupt: Das Gute Leben ist kein menschliches Privileg, sondern eine ökologische Koexistenz.

Und im Buddhismus schließlich erscheint Glück als bloße Täuschung des Begehrens – Erlösung heißt hier nicht, mehr Glück zu empfinden, sondern das Bedürfnis nach Glück zu transzendieren.

All diese Entwürfe verbindet ein gemeinsamer Gedanke: Glück ist kein letztes Ziel, kein Selbstzweck, sondern ein Symptom. Eine Gesellschaft, die sich über Glück definiert, beschreibt damit zugleich, was ihr fehlt. Deshalb ist vielleicht das fruchtbarere Ziel nicht das Glück, sondern das Sinnhafte, das Tugendhafte, das Seiende, das Wahre – kurz: das, was bleibt, wenn das Glück als Kriterium versagt.


Maslow und Frankl – zwei gegensätzliche Modelle menschlicher Erfüllung

In der modernen Psychologie ist der bekannteste Versuch, das menschliche Streben zu ordnen, die Maslow’sche Bedürfnispyramide. Sie beschreibt ein aufsteigendes System: erst physiologische Bedürfnisse (Nahrung, Schlaf), dann Sicherheit, soziale Zugehörigkeit, Anerkennung, und dann ganz oben die Selbstverwirklichung. Sinn, Kreativität, Erfüllung erscheinen hier als Krönung eines bereits durch die zuvor erfüllten Bedürfnisse gesättigten Lebens.

Dieses Modell hat sich tief in unser Alltagsdenken eingegraben: Zuerst müssen die Grundbedürfnisse befriedigt sein, dann kann das „Höhere“ kommen. Glück wird so zum Zeichen von Erfüllung, das nach vollständiger Bedürfnisdeckung folgt.

Doch gerade das wird von Viktor Frankl radikal in Frage gestellt. Frankl, selbst Überlebender des Konzentrationslagers, stellt in seiner Logotherapie die These auf, dass der Mensch nicht vom Bedürfnis nach Befriedigung, sondern vom Willen zum Sinn angetrieben wird. Sinn steht nicht am Ende der Pyramide, er ist im Gegenteil ihr Fundament.

Menschen können in äußerster Not, in Armut oder Krankheit, trotz der Unerfüllung ihrer Grundbedürfnisse Sinn empfinden. Und umgekehrt: Menschen mit scheinbar perfekten Lebensbedingungen können innerlich leer sein. Für Frankl beginnt menschliche Würde dort, wo jemand einen Sinn sieht, selbst wenn das Leben keine Freude bietet.

Damit stellt er Maslow auf den Kopf:

Nicht „erst satt, dann Sinn“, sondern:

Erst Sinn, dann Stärke, auch im Mangel.

Das ist mehr als Psychologie, das ist eine ethische Wende. Sie widerspricht der Logik, dass Glück aus Fülle entsteht, und legt nahe, dass gerade die Erfahrung des Mangels die Tiefendimension des Lebens freilegt. So gesehen wäre Glück kein Ziel nach Erfüllung, sondern eine Form von innerer Stimmigkeit im Unvollkommenen.


Don’t happy – be worry

Der Satz „Don’t worry, be happy“ klingt leicht und tröstlich. Aber vielleicht müsste man ihn heute umdrehen: „Don’t happy – be worry.“ Nicht im Sinne einer Aufforderung zur Angst, sondern als Erinnerung, dass das Leben ohne Sorge, ohne Unruhe, ohne Widerspruch nicht lebendig wäre.

Epikur selbst hat das Glück als Abwesenheit von Schmerz definiert. Es ist also ein Negativbegriff: Man weiß erst, was Glück ist, wenn man Schmerz kennt. Doch in unserer Gegenwart ist Glück zu einem Konsumprodukt geworden – ein Zustand, den man haben, kaufen, kuratieren kann. So wie wir ständig Neues erwerben, statt Altes zu pflegen, so suchen wir nach immer neuen Glücksreizen, statt das vorhandene Leben zu würdigen.


Vielleicht bräuchte es ein emotionales Pendant zum Recycling: Kein unablässiges Streben nach neuen Glücksgefühlen, sondern das Upcyceln der vorhandenen Erfahrungen.

Nicht immer „mehr“, sondern auch mal „tiefer“.

Denn auch Gefühle können Ressourcen sein, die sich erneuern, wenn man sie nicht im Sekundentakt wieder wegwirft. Zufriedenheit könnte man als nachhaltiges Glück begreifen, nicht als ein Dauer-High, sondern als einen besonnenen Kreislauf von Sorge und Erfüllung.

Die Sorge – das „Worry“ – ist nicht bloß ein Störgeräusch im Wohlbefinden, sondern der Motor von Sinn. Ohne das Gefühl der Unruhe gäbe es kein Streben, kein Lernen, keine Kunst, keine Wissenschaft. Die größte Erfüllung entsteht nicht aus Entspannung, sondern aus Überwindung. Der Spa-Abend vergeht, die Abgabe einer Masterarbeit – nach Wochen des Zweifels, des Ringens, der Erschöpfung – bleibt.

Ein Leben, das Glück nicht verdrängt, aber auch das Worry nicht meidet, wäre vielleicht das ehrlichere.

Denn das Ziel ist nicht, glücklich zu sein, sondern wirklich zu leben, mit all der Mühe, die dazugehört, und mit der Freude, die daraus entsteht.


Offenes Ende

Wenn Glück als langfristige Lebenszufriedenheit so eng mit Sinn zusammenhängt, dann ist die Jagd nach Glück in Form von Kicks und Konsum fast zwangsläufig unbefriedigend. Sie kann Lücken kurzfristig überdecken, aber nicht füllen. Gleichzeitig wäre es ebenso unfruchtbar, alle Bedürfnisse nach Freude, Lust, Entspannung und Leichtigkeit moralistisch zu verdächtigen.

Vielleicht liegt die Aufgabe unserer Zeit genau in diesem Spannungsfeld:

  • akzeptieren, dass wir nie vollständig „satt“ sein werden,
  • und zugleich verantwortlich mit dieser Unruhe umgehen,

damit sie nicht in Selbstzerstörung umschlägt, sondern in Fortschritt, Beziehungen, Kreativität, Gerechtigkeit.

Ob es eine Gesellschaft geben kann, die das Glück nicht mehr als Hauptziel definiert, sondern Sinn, Tugend und Beitrag zur Gemeinschaft stärker ins Zentrum rückt, ist keine rein theoretische Frage. Sie entscheidet sich in unseren Alltagshandlungen: darin, wie wir unsere Kinder erziehen, wie wir arbeiten, konsumieren, lieben, wie wir über uns selbst denken.

Vielleicht beginnt ein solcher Lebensentwurf ganz unspektakulär mit der Verschiebung der Frage.

Nicht mehr: „Bin ich glücklich genug?“

Sondern eher: „Wofür lebe ich eigentlich, und ist das, was ich tue, in sich sinnvoll, auch wenn es sich nicht jederzeit glücklich anfühlt?“